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Ärger um „Geheimvertrag“ : Gymnasium verteidigt Kooperation mit Samsung

Sprungtechnik: Tablet-Einsatz am Neuen Gymnasium Rüsselsheim. Bild: Helmut Fricke

Eine Rüsselsheimer Schule verteidigt ihre Kooperation mit dem Tablet-Hersteller Samsung. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisiert den „Geheimvertrag“ mit dem Konzern.

          Der stellvertretende Schulleiter zeigt sich überrascht. „Das ist doch weltfremd“, sagt Matthias Lein zu den Vorwürfen, die von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) gegen das Neue Gymnasium Rüsselsheim erhoben werden. Die Kritik richtet sich gegen einen, wie die Lehrergewerkschaft es ausdrückt, „Geheimvertrag“ mit dem Elektronikkonzern Samsung, der die Oberstufenschüler des Gymnasiums seit 2015 mit Tablet-Computern ausstattet. Weder die Schule noch das Unternehmen seien bereit, die Kooperationsvereinbarung offenzulegen, bemängelt die GEW. Der Kreis Groß-Gerau als Schulträger habe sich auf Anfrage für unzuständig erklärt und das hessische Kultusministerium eine Kenntnis von Vertragsdetails abgestritten.

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Damit ergibt sich die Situation, dass eine Schule eine Kooperationsvereinbarung mit einem Konzern schließt, die weder dem Schulträger noch dem Kultusministerium in ihrem inhaltlichen Ausmaß bekannt ist“, resümiert die Gewerkschaft. Die Interessen eines Wirtschaftsunternehmens würden von den Beteiligten stärker gewichtet als die Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit und deren Informationsfreiheitsrechten. Die GEW sehe sich dadurch in der Sorge über das Ausmaß, das Sponsoring an staatlichen Schulen mittlerweile angenommen habe, bestätigt.

          Die Lehrergewerkschaft wendet sich schon seit einigen Jahren gegen ihrer Ansicht nach zu weit reichende Kooperationen von Unternehmen mit Schulen, weil sie dadurch die Neutralität und Unabhängigkeit von Lehrern und Unterricht gefährdet sieht. Was das Neue Gymnasium Rüsselsheim betreffe, sei dies allerdings völlig unbegründet, sagt der stellvertretende Direktor Lein. „Das wäre ja noch schöner, wenn die Lehrerschaft sich von einem Unternehmen reinreden lassen würde.“ Es gebe keinerlei Einflussnahme von Samsung auf den Unterricht oder andere pädagogische Aktivitäten und auch keine Werbung etwa im Schulgebäude.

          Seit 2013 erprobt das Neue Gymnasium den Einsatz von Tablets, seit 2015 geschieht dies aufgrund des Kooperationsvertrags als „Samsung Lighthouse School“, also als „Leuchtturm-Schule“. Die Oberstufenschüler erhielten die tragbaren Computer zu einem „reduzierten Preis“, sagt Lein. Details der Abmachung will er auch gegenüber dieser Zeitung nicht nennen. „Schutzwürdige Interessen“ der Vertragspartner stünden dem entgegen. „Es legt ja auch nicht jeder seine Steuererklärung offen.“

          „Den Mehrwert möchte man nicht mehr missen“

          Inhaltlich sei die Kooperation mit Samsung über jeden Zweifel erhaben, sagt Lein. Die Arbeit mit Tablets habe sich inzwischen etabliert. „Den Mehrwert möchte man nicht mehr missen.“ Lein nennt ein Beispiel aus seinem eigenen Unterricht als Mathematiklehrer: Dort könnten die Schüler die von ihnen auf dem Tablet gezeichneten Graphen auf einem Smartboard den Mitschülern zeigen und mit ihnen besprechen. Andererseits sei die Technik auch „entmystifiziert“ worden. Die Lehrer hätten gemerkt, dass manchmal eine herkömmliche Arbeitsweise weiter helfe als der Computer-Einsatz. Und es sei völlig in Ordnung, wenn Schüler lieber mit Stift auf Papier schrieben und ihr Tablet nur zum Fotografieren nutzten.

          Für Samsung als Partner habe sich die Schule entschieden, weil das Unternehmen zu jener Zeit der einzige Anbieter gewesen sei, der zu einem erschwinglichen Preis ein Gerät angeboten habe, auf dem Eingaben per Stift möglich gewesen seien. „Wir wollen den Schülern und Schülerinnen ja nicht die Handschrift abgewöhnen.“ Zum 31. Juli habe die Kooperationsvereinbarung geendet.

          Mit Tablets wolle die Schule weiterhin arbeiten. Ob diese dann wieder von Samsung kämen, müsse geklärt werden. Andere Hersteller hätten auch gute Geräte, wichtig sei nur, dass der ganze Jahrgang mit ähnlicher Technik arbeite, da es sonst Komplikationen geben könne.

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