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Gymnasien in Hessen : Protest gegen Kürzen der Lehrerzuweisung

Regierungskritiker: Die Schulleiter Stefan Haid, Heinz-Jürgen Krell, Monika Schmidt-Dietrich und Ulrich Schmidt (von links) halten nichts von der Idee, Lehrer aus den Oberstufen abzuziehen. Bild: Frank Röth

Das Kultusministerium will den Oberstufen weniger Lehrer zuweisen. Die Schulleiter protestieren und sehen weniger Angebot und größere Klassen als Folge. Aber das Land will mehr Lehrkräfte andere Schulen verteilen.

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          Einen Leistungskurs Spanisch oder Physik wird es im nächsten Schuljahr in vielen hessischen Oberstufen vermutlich nicht mehr geben. Zugleich drohen die Klassen und Kurse größer zu werden. Davor warnen mehrere Gymnasialverbände. Grund seien die Pläne des Kultusministeriums, die Lehrerzuweisung für die Oberstufe zu kürzen. Laut einem Schreiben an die Schulleiter soll der Schülerfaktor vom Schuljahr 2015/16 bis zum Schuljahr 2017/18 schrittweise gesenkt werden. Nach Angaben der Verbände bedeutet das für eine Schule durchschnittlicher Größe, dass schon nach den Sommerferien eine Lehrerstelle in der Oberstufe wegfällt und in den folgenden Jahren mindestens eine weitere.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Die Kürzungen werden dazu führen, dass das Kursangebot deutlich eingeschränkt werden muss“, sagt Monika Schmidt-Dietrich, Leiterin der Ernst-Reuter-Schule in Frankfurt und Sprecherin von „Bildungsfaktor Abitur“, einer Vereinigung, die nicht nur grundständige Gymnasien vertritt, sondern auch reine Oberstufengymnasien, Kooperative Gesamtschulen und Integrierte Gesamtschulen mit Oberstufe. Bedroht seien vor allem Fächer, die von relativ wenigen Schülern gewählt würden: Naturwissenschaften, Informatik und die Sprachen Französisch, Spanisch, Italienisch und Latein.

          Facettenbreite der Schulen werde kleiner

          Aber auch die anderen Fächer seien betroffen, sagt Heinz-Jürgen Krell, der Leiter der Eleonorenschule in Darmstadt. Die Schüler müssten nämlich auf die verbliebenen Kurse verteilt werden. „28 Schüler in einem Grundkurs Deutsch – das wird ungeheuer kommunikativ“, sagt Krell sarkastisch. Das Kultusministerium rechtfertigt die Kürzung damit, dass die Kursgröße in der Oberstufe bisher „im Vergleich auf einem niedrigen Niveau liegt“. „Im Vergleich zu was?“, fragt Schmidt-Dietrich. „Zu den großen Mittelstufenklassen?“ Das Ministerium ignoriere, dass es in der Oberstufe um Spezialisierung gehe, die zur Vorbereitung auf entsprechende Studiengänge unerlässlich sei.

          „Damit wird die Facettenbreite der Bildung kleiner“, sagt Stefan Haid von der Arbeitsgemeinschaft der Gesamtschuldirektoren. Zudem treffe die Kürzung die Schulen in einer Situation, da die Planung für das nächste Schuljahr schon abgeschlossen sei. Vermutlich werde er Lehrkräfte kurzfristig an andere Schulen abgeben müssen, sagt der Leiter der Eichendorffschule, einer Kooperativen Gesamtschule in Kelkheim.

          Land will Ganztagsschulen fördern

          Ulrich Schmidt, Direktor des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Offenbach, sagt voraus, dass die Kürzung zu erheblicher Unruhe an den Schulen und zu einem Vertrauensverlust führen werde. Die Politik verspreche, dass sich die Bedingungen im Bildungswesen verbesserten, aber in den Oberstufen würden sie nun verschlechtert. „Das wird bei den Lehrern sehr schlecht ankommen.“

          Die frei werdenden Kapazitäten will das Kultusministerium, wie es in dem Schreiben heißt, für vier „bildungspolitische Herausforderungen“ einsetzen. Die größte davon ist, gemessen an der zusätzlichen Stellenzuweisung, der Ausbau der Ganztagsschulen. Dafür sollen vom nächsten Schuljahr an bis zu 230 Stellen mehr als bisher zur Verfügung stehen. Weitere 210 Stellen sind für Deutschförderung, 100 Stellen für die Inklusion und 60 Stellen für die Zuweisung nach Sozialindex, also an sogenannte Brennpunktschulen, vorgesehen.

          „Taschenspielertricks“ bei der Quote

          Das Ministerium weist auch darauf hin, dass im Bildungssektor insgesamt nicht gekürzt werde. Während in allen anderen Teilen der Landesverwaltung Stellen wegfielen, seien die Lehrer davon ausgenommen – und das bei sinkenden Schülerzahlen. Es sei aber nötig, die Ressourcen innerhalb des Schulwesens umzuverteilen. Maßgeblich dafür, wie das geschehe, sei der Aspekt der Bildungsgerechtigkeit. In diesem Sinne habe sich das Kultusministerium für eine „behutsame Umlenkung über mehrere Jahre“ entschieden.

          Damit wollen sich die Oberstufenschulen nicht abfinden. Sie erinnern an das Wahlversprechen der schwarz-grünen Landesregierung, eine Lehrerzuweisung von 104 Prozent zu gewährleisten. Davon könne nach der Kürzung allenfalls noch rechnerisch die Rede sein, sagt der Philologenverband. Die Quote werde nämlich nur durch die Absenkung der Grundversorgung erreicht. Elisabeth Waldorff, die Landesvorsitzende der Vereinigung der Oberstudiendirektoren spricht deshalb von „Taschenspielertricks“. Am meisten würden die Abiturienten unter den Kürzungen leiden. „Das hessische Kultusministerium hat Entscheidungen gegen das Gymnasium getroffen.“

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