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Gymnasiallehrer über G8 und Bildungsstandards : „Das Gymnasium ist zur Gesamtschule geworden“

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Hält die Umsetzung der Lehrpläne für die G8-Reform nicht für gelungen: Lehrerin Ulla Bengs. Bild: Fricke, Helmut

Einst war der Weg zum Abitur für die Besten eines Jahrgangs gedacht, heute schlägt ihn jeder Zweite ein. Dieser Wandel ist am Gymnasium nicht spurlos vorübergegangen.

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          Sie unterrichten seit Jahrzehnten am Gymnasium, Sie haben die Reformen kommen und gehen sehen. Gibt es eine, die besonders einschneidend war?

          Christian Doiwa: G8 hat schon vieles verändert. Das, was die Schülerinnen und Schüler früher so nebenher freiwillig gemacht haben - Theater, Bigband und so weiter - leidet darunter, dass viele meinen, sie hätten keine Zeit mehr dafür. Manche trauen sich auch nicht mehr, im Tischtennisverein mitzuspielen, weil sie glauben, sie müssten Mathe lernen.

          Ulla Bengs: Ich könnte nicht sagen, dass ich G8 von Grund auf abgelehnt hätte. Die Idee ist doch nicht schlecht, dass man sich dem Ausland anpasst. Dass man versucht, die jungen Menschen ein Jahr früher studierfähig zu machen. Aber bei der Umsetzung, bei der Überarbeitung der Lehrpläne ist einiges versäumt worden.

          Woran liegt das? Es ist doch klar, dass man in einem Jahr weniger nicht denselben Stoff in derselben Art unterrichten kann.

          Doiwa: Ich habe den Verdacht, dass auch finanzielle Gründe anfangs eine Rolle gespielt haben. Man meinte vielleicht, dass man mit einer kürzeren Schulzeit Lehrkräfte einsparen könnte.

          Für manche Schüler ist G8 doch machbar.

          Doiwa: Auf jeden Fall. Einige schaffen es geradezu mühelos. Aber es reicht ja niemandem, wenn die besonders Guten Abitur machen. Im Moment ist ja gefordert, dass 60 Prozent eines Jahrgangs aufs Gymnasium gehen. Aber von den 60 Prozent schafft es eben nur die Hälfte ohne Probleme.

          Müssen denn Ihrer Ansicht nach 60 Prozent eines Jahrgangs studieren?

          Doiwa: Ich finde nicht, ehrlich gesagt, aber das ist eben politisch gewünscht.

          Hans Stegerer: In Frankreich sollen nach einem Erlass aus dem Jahre 1985 sogar 80 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen. Letztes Jahr hat man mit fast 72 Prozent einen neuen Rekord damit aufgestellt. So ist das, was hierzulande geschieht, nur eine Art Europäisierung. Solche Zahlen lassen sich logischerweise nur durch Absenkung des Niveaus erreichen. Dazu sind Gesamtschulen besser geeignet als deutsche Gymnasien. In dieses sollte ursprünglich ja nur das obere Viertel oder Drittel eines Jahrgangs geschickt werden. De facto ist das Gymnasium heute weitgehend zu einer Gesamtschule geworden, in der man in der Mittelstufe nicht nach A- und B-Kursen differenzieren kann.

          Ist das noch die Schule, an der Sie unterrichten wollten? Warum haben Sie sich damals entschieden, Gymnasiallehrer zu werden?

          Doiwa: Vielleicht erschien es uns ein bisschen spannender, als den Kleinen die Nase zu putzen. Man hatte schon einen gewissen Anspruch. Man meinte, man könnte studierfähige Leute heranziehen, man hätte ein Gegenüber, das einen herausfordert, das Fragen stellt. Schüler, die etwas wissen wollen, von denen man gefordert wird, vielleicht noch etwas dazulernen kann.

          Beklagt einen Mangel an Freizeit durch G8: Gymnasiallehrer Christian Doiwa.
          Beklagt einen Mangel an Freizeit durch G8: Gymnasiallehrer Christian Doiwa. : Bild: Fricke, Helmut

          Stegerer: Bei mir war es die Liebe zur Philosophie und zu den Fremdsprachen, vor allem für deren Literatur. Ich wollte diesem Interesse nachgehen und es auf einem hohen Niveau weiterverbreiten, und zwar auf einem Gymnasium, so wie ich es von meiner eigenen Schulzeit her kannte.

          Wird dieser Anspruch in der heutigen Schulrealität eingelöst?

          Doiwa: Es ist mühsamer geworden. Wir Lehrer tun, was wir können, aber es gibt Schüler, die das Zeug dazu einfach nicht haben. Es wundert uns nicht, dass die Hochschulen klagen, dass manche Abiturienten nicht studierfähig sind. Und dann sind die Lehrer schuld.

          Bengs: Man hat sehr unterschiedliche Schülerinnen und Schüler. Jetzt hatte ich einen Kursus, in dem so viele kluge, aufgeweckte Kinder waren, dass es eine Freude war, mit ihnen zu arbeiten. Wir haben die europäische Finanzkrise in verschiedensten Aspekten auf Englisch diskutiert. Das war in den letzten fünf Jahren aber eher eine Ausnahme.

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