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Erstaufnahme in Rothwesten : Familien nehmen Rücksicht aufeinander

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Viele Kinder sind unter den Bewohnern der Erstaufnahmeeinrichtung in Rothwesten. Bild: dpa

In Rothwesten bei Kassel gelingt das Zusammenleben von Flüchtlingen in einer Erstaufnahmeeinrichtung besonders gut. Die meisten werden mit Aufgaben betraut.

          Die Chaosphase ist längst Geschichte. Als im vorigen Sommer wie aus heiterem Himmel Tausende und Abertausende Flüchtlinge in Deutschland anlangten, mussten die Behörden binnen Tagen Zeltstädte errichten lassen, Betten, transportable Sanitärräume und Großküchen herbeischaffen und schnappten obendrein die knapper werdenden Container einander weg. Es galt, Obdachlosigkeit abzuwenden, und nicht nur das ist gelungen. Rückblickend ist ziemlich vieles, ziemlich gut gelungen. Deutschland hat funktioniert, obzwar es eine große Zahl von Deutschen selbst nicht glauben will.

          Auch im Fuldataler Ortsteil Rothwesten bei Kassel ist eine frühere Kaserne zur Erstaufnahmeeinrichtung des Landes geworden. Etwa 170 Flüchtlinge vor allem aus Syrien, aber auch aus Iran, dem Irak, Afghanistan und Algerien leben hier. Etwa 90 von ihnen sind Kinder. Die Kasernenbauten sind mit ihrer Raumaufteilung ideal für diesen Zweck, und die - zum Schutz vor Granaten - betonierten Satteldächer bieten riesengroße Dachzimmer. Wo früher Soldaten auf Bahnen das Schießen übten, spielen jetzt die vor Schüssen geflohenen Kinder. Überall auf dem Gelände wird gerodet und gebaut, denn hier sollen demnächst 900 Flüchtlinge leben.

          Austausch mit Betreuern in ganz Deutschland

          Einzig das Kanalnetz ist vielleicht nicht mehr intakt. Es zu sanieren wäre aber zu aufwendig. Also wurden Sanitärcontainer und Toilettenhäuschen aus Kunststoff aufgestellt, deren Abwässer außerhalb der alten Rohre entsorgt werden.

          Mindestens so wichtig wie die technische Aufnahme der Flüchtlinge in Häusern ist ihre soziale Aufnahme in Hessen, und nun, nach der Ankunft der ersten Fluchtwelle und ihrem Abebben im Winter, war es an der Zeit, ein „Konzept für Sozialbetreuung und Integration in den Erstaufnahmeeinrichtungen“ zu entwickeln. Das Regierungspräsidium Kassel hat damit die Sozialpädagogin Maja Schauder und den Moderator für interkulturelle Prozesse, den Fotografen Kurt Heldmann, beauftragt. Sie reisen durch den Regierungsbezirk, schauen sich gelungene und weniger gelungene Modelle an, und tauschen sich mit Betreuern in ganz Deutschland aus.

          Um ihre Arbeit zu erläutern, heften sie wie in einem Seminar für Lehramtskandidaten bunte Pappen an die Wand. Es soll ein „Hocker“ werden. Die Sitzfläche, das obere Oval, steht für die Identität eines Menschen. Sie ruht auf drei Beinen, der persönlichen, der sozialen und der kulturellen. Die persönliche Identität wird zum Beispiel vom Alter, vom Geschlecht sowie von persönlichen Vorlieben und Abneigungen geprägt, die soziale zum Beispiel vom Beruf und die kulturelle von gesellschaftlichen Werten und der Religion.

          Putzen und Waschmaschinendienst für die Selbstachtung

          Bei den Flüchtlingen habe die persönliche Identität auf der Flucht häufig gelitten, und die soziale, etwa die Definition über den Beruf, sei entfallen, sagt Maja Schauder und verkürzt zwei Beine des Hockers. Um das Missverhältnis auszugleichen, überbetonten die Flüchtlinge ihre kulturelle Identität. Dann aber steht das Sitzmöbel ziemlich schief. Auf der Sitzfläche kommt alles ins Rutschen.

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