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Erstaufnahme in Rothwesten : Familien nehmen Rücksicht aufeinander

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Enge Verbindung zwischen Unterkunft und lokalem Umfeld

Trage sie etwas über den Hof, „dann dauert es keine Sekunde, und die Männer nehmen es mir ab“, berichtet sie. Alle wollten höflich und zuvorkommend sein. Alle, sagt sie, geben ihr die Hand. Keiner behandle sie als minderwertig wegen ihres Geschlechts. Ohnehin sei es im Regierungsbezirk üblich, die Teams, die sich um Flüchtlinge kümmern, aus Frauen und Männern zu mischen. Überdies hätten sich Frauen als Leiterinnen von Einrichtungen bewährt, sagt Michael Conrad vom Regierungspräsidium. Aber auch ein früherer Bundeswehroffizier sei äußerst beliebt, denn er kenne manche Heimat, aus der Flüchtlinge kommen, aus seinen Auslandseinsätzen. Dort - wie auch in den Aufnahmeeinrichtungen - steht die Bundeswehr ganz hoch im Kurs. So hoch wie wahrscheinlich niemals in der Heimat. Wenn die Flüchtlinge hörten, wo der frühere Offizier gewesen sei, machten sie ihm Geschenke aus der Heimat, übermittelten Grüße und Dankbarkeit von den Verwandten zu Hause.

Ein weiterer Vorteil, sagt Conrad, sei eine enge Verbindung zwischen Unterkunft und dem lokalen Umfeld. Überall dort, wo deutsche Nachbarn aus dem Stadtteil oder dem Dorf als Freiwillige in der Aufnahmeeinrichtung helfen könnten, gelinge das Zusammenleben problemlos. Dabei spielt es nach Conrads Beobachtung keine Rolle, ob die Einrichtung zunächst umstritten gewesen sei oder besonders zahlreiche Anfragen in der Bevölkerung ausgelöst habe. In einem Ort in Nordhessen, wo der Bevölkerung die Turnhalle für die Flüchtlinge „weggenommen“ worden sei, sagt Conrad, habe er zunächst gedacht: „Das kann nicht gutgehen.“ Aber genau dort seien die Flüchtlinge am allerbesten in die Gesellschaft eingebunden.

Keine Angst in der Unterkunft - aber draußen

Krauß ist umringt von Kindern. Zwei Jungen am anderen Tisch haben die Zeit über ihrem Spiel vergessen. Erschöpfte Eltern kommen nach einer langen Flucht zur Ruhe. Während im Radio die Nachrichten über die Polizeipräsenz in den Karnevalshochburgen und Informationen über einen vereitelten mutmaßlich geplanten Anschlag von Islamisten in Berlin laufen, AfD-Anhänger in Erfurt über den Domplatz grölen und einer sogar fordert, man solle den katholischen Bischof mit „den Eiern“ an die Glocke namens Gloriosa hängen, weil der Würdenträger Tausenden von Rechtspopulisten während ihrer regelmäßigen Zusammenkünfte vor dem Gotteshaus die Dombeleuchtung ausschalten lässt, und Deutschland so aufgewühlt ist wie lange nicht mehr, erscheint die Unterkunft in Rothwesten als eine Oase der Ruhe und Harmonie. Noch nie, sagt Krauß, habe sie in der Unterkunft Angst vor irgendjemand oder irgendetwas gehabt. Aber draußen. Wenn sie nachts in der Einrichtung sei, parke sie ihr Auto lieber innerhalb des Zauns, damit es keiner beschädige.

Wenige Kilometer von hier östlich der Werra, auf deren westlicher Seite der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke an einer hessischen Schule Lehrer war, wurden nach Angaben des Thüringer Innenministeriums gegen bestehende, geplante oder vermutete Flüchtlings- und Asylunterkünfte von Januar bis November 2015 insgesamt 58 Straftaten verübt. Davon wurden 32 der politisch motivierten Kriminalität „von rechts“ zugerechnet. 2014 seien es neun Straftaten gewesen, von denen acht „rechts motiviert“ gewesen seien.

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