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Erstaufnahme in Rothwesten : Familien nehmen Rücksicht aufeinander

  • -Aktualisiert am
Provisorium: In der Erstaufnahmeeinrichtung in Rothwesten, einem Ortsteil von Fuldatal, sollen 900 Flüchtlinge unterkommen.

„Gar nicht so dumm. Das Tafelbildchen, das zunächst so naiv anmutete, hat doch etwas“, denken die Betrachter, und ihre Minen verraten es. Also, folgert die Pädagogin, müssten die verkümmerten Beine des Hockers wieder gestärkt werden. Informationen über die neue Umgebung, das „Wissen, was los ist“, die Transparenz dessen, „was mit mir geschieht“, stärkten die persönliche Identität Sport und Musik, Aufgaben wie das Putzen und der Waschmaschinendienst stärkten die soziale Identität. Gebraucht zu werden, stärkt die Selbstachtung.

In der Unterkunft gibt es schon einen Flüchtling, den alle nur noch den „Schreiner“ nennen. Der Syrer ist ein gesuchter Mann, denn er versteht es, die Ikea-Betten zu verstärken, damit die Doppelstocklager halten, und er schafft es, aus großen Holzwerkstoffplatten Räume abzutrennen, damit Kinder spielen und Frauen einmal ungestört unter sich sein können, zum Beispiel, um das Kopftuch abzulegen, was sie vor einem Mann nicht tun würden. Eine Englischlehrerin unter den Syrern erteilt unterdessen Sprachkurse. Die Flüchtlinge lernen aber vor allem Deutsch, die Frauen wiederum unter sich, damit die Begegnung „auf Augenhöhe“ im Gastland gelingt. Das erfordert zahlreiche Helfer. Für 100 Flüchtlinge soll es einen Sozialbetreuer geben.

„Alle handeln zum Wohl der Kinder“

Das Konzept, sagt der interkulturelle Moderator Heldmann, folge den Standards einer EU-Richtlinie für Flüchtlingsunterkünfte und entspreche dem Aktionsplan der hessischen Landesregierung. Auch ein Erlass des Sozialministeriums verlange Mindeststandards in der Sozialbetreuung. Im Regierungsbezirk Kassel arbeiten die Fachleute an einem solchen Konzept. Ob es schon messbare Erfolge zeige, weiß Heldmann noch nicht zu sagen, denn die Bewertung der Effekte in Zusammenarbeit mit der Universität Kassel sei erst ein nächster Schritt.

Aber offensichtlich ist die Atmosphäre in der ehemaligen Kaserne entspannt. Maja Krauß, die ihr Studium im Herbst beendete, hat als Leiterin des Sozialteams des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB) in Rothwesten eine große Chance erhalten. Aber die quirlige junge Frau mit dem blonden langen Haar erfüllt die Erwartungen locker. Die anderen sagen, sie sei ein „Kindermagnet“. Alle Kinder mögen sie, scharen sich um sie, zeigen ihr stolz die Zahnlücken als Zeichen des eigenen Großwerdens. Es sei gut, sagt Maja Krauß, dass in Rothwesten Familien seien. Alle nähmen Rücksicht, handelten zum Wohl der Kinder. Es sei schwieriger, heißt es, wenn nur Männer unter sich seien. Zudem, sagt Krauß, seien fast alle in Aufgaben eingebunden. Die Flüchtlinge beteiligten sich am Putzen und am Wäschewaschen. Sie verlangten nach Aufgaben, und sie bekämen auch welche. „Ich will Deutsch lernen“ und „ich will helfen“ zählen zu den häufigsten Sätzen, die Maja Krauß in der Fritz-Erler-Anlage hört.

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