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Gutenberg-Museum in Mainz : Vom Druckstock zum iPad

Will Brücken bauen im Medien-Verständnis, muss das in kleinen Schritten tun: Museumsdirektorin Annette Ludwig. Bild: Kretzer, Michael

Die Mainzer Bürger sammeln wieder für das Gutenberg-Museum. Und das zeigt, dass es keine Scheu hat vor neuen Medien. Ein Rundgang und eine Besuchsempfehlung.

          Geldsorgen sind auch dem Gutenberg genannten Henne Gensfleisch zur Laden vor gut 550 Jahren nicht fremd gewesen. Weil sein damaliger Finanzier, der ihm zweimal 800 Gulden vorgestreckt hatte, aus bis heute nicht bekannten Gründen vor Gericht obsiegte, musste der tatendurstige Erfinder seine Werkstatt am Ende Johannes Fust überlassen und vermutlich auch die schon fertigen zweiundvierzigzeiligen Bibeln, von denen weltweit noch 49 Exemplare existieren. Zwei dieser als „B42“ in die Druckgeschichte eingegangenen Werke, die Solms-Laubach-Bibel und die Shuckburgh-Bibel, liegen nebeneinander in einem gut gesicherten und dezent beleuchteten Mainzer Tresorraum, dem Herzstück des 1900 gegründeten Gutenberg-Museums.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz.

          Das Haus am Liebfrauenplatz, das sich im Besitz der finanziell nicht eben prächtig ausgestatteten Kommune befindet, darf sich zwar seit einem halben Jahrhundert „Weltmuseum der Druckkunst“ nennen, hat aber durchaus Schwierigkeiten, diesen Anspruch einzulösen. So sind, wie schon des Öfteren, nun abermals die Bürger gefragt: mit dem Aufruf, sich am Bündnis „Gutenberg 2020“ zu beteiligen, um das Museum räumlich und konzeptionell in das 21. Jahrhundert hinüberzuretten. Ganz konkret sollen etwa die Gäste der viertägigen Mainzer Johannisnacht, die noch heute und morgen in der Innenstadt gefeiert wird, auf ihr Glaspfand verzichten - und das Geld stattdessen in eine der vielen von der Volksbank aufgestellten und vom Zeichner Michael Apitz verzierten Spendenboxen werfen.

          Viele kleine Veränderungen, große Wirkung

          Dass angesichts der städtischen Haushaltslage und eines überschaubaren Museumsetats viele kleine Schritte notwendig sein würden, um das jährlich von mehr als 100000 Gästen besuchte „Druck-Zentrum“ weiterzuentwickeln, hat Direktorin Annette Ludwig gewusst, als sie vor zwei Jahren die Leitung des Museums übernahm. Schließlich war sie selbst einmal, damals als Besucherin, sonntags um 15 Uhr gebeten worden zu gehen, weil es zu wenig Aufsichtspersonal gab. Ein Missstand, den die 48 Jahre alte Kunsthistorikerin mit Hilfe von Sponsoren beseitigen konnte, so dass neuerdings an den Familiensonntagen bis 17 Uhr geöffnet ist. Aktuell regnet es auch nicht mehr, anders als früher, durch das Dach des Hauses, das in deutlich besseren Zeiten zum Glück eine hochwertige Grundausstattung bekommen hatte; weshalb etwa die Vitrinen, Baujahr 1962, noch immer einen ordentlichen Eindruck hinterlassen.

          Viele kleine Änderungen haben die Direktorin, ihre drei Kuratoren und die mehr als 30 Mitarbeiter, von denen viele aber nur stundenweise beschäftigt sind, mittlerweile vorgenommen: die Beleuchtung verbessert, für verständliche Beschriftungen anstelle der bis dahin vorherrschenden Zettelwirtschaft gesorgt, Begleitblätter zur Ausstellung und einen Audioguide erstellen lassen. Der allenfalls noch als kommunikationsgeschichtlich bedeutsame Rarität einzustufende Puppenfilm, der Schulklassen seit den sechziger Jahren zur Begrüßung im Museum und vor den Druckvorführungen an den historischen Pressen gezeigt wird, soll mit Hilfe des Südwestrundfunks demnächst durch einen zeitgemäßen Beitrag ersetzt werden.

          Expertise auch für aktuelle Medien

          Größere Veränderungen, wie die Umgestaltung des Entrees oder eine Glasüberdachung für den Innenhof, werden allerdings nicht allein mit Willenskraft und Leidenschaft und kleinem Geld zu bewerkstelligen sein. Im Dezember findet eine (ausverkaufte) Benefizveranstaltung in der Rheingoldhalle statt. Schon früher, etwa bei der Finanzierung des im Gutenberg-Jahr 2000 verwirklichten Erweiterungsbaus, haben spendenbereite Bürger und der Verein der Freunde und Förderer, der regelmäßig Ankäufe und Ausstellungen unterstützt, für die Weiterentwicklung des Museums gesorgt.

          Neben dem sehenswerten Bestand - dazu gehören Druckerpressen, Bücher, Exlibris, Plakate, Grafiken und Wissenswertes zur Zeitungsgeschichte - auch Neues zu zeigen liegt der Direktorin besonders am Herzen. Die Sorge, dass es dem Haus an Exponaten und der Expertise fehle, um vor allem den jährlich 25000 jungen Besuchern aktuelle Medien attraktiv präsentieren zu können, hielt Ludwig von Anfang an für unbegründet, was sie so zeigt: Gleich am Eingang steht die Mobiltelefon-Nummer 0152/ 36974123 an der Wand. Wer eine SMS-Botschaft an diese Adresse schickt, kann seine Nachricht kurz darauf an der Fassade des Hauses lesen. Und im Obergeschoss des Gebäudes ziehen seit einigen Monaten die mit schwarzen QR-Codes bedruckten Leuchtkuben auf einer „digitalen Harfe“ die Gäste in ihren Bann. Mit Hilfe eines dort auszuleihenden iPads lassen sich in der Sonderausstellung „Moving Types - Lettern in Bewegung“ mehr als 200 kurze Einspielungen aufrufen, in denen es um Schrift-Stücke geht, ob in Werbung, Kinofilmen oder Musikvideos. Allein mit diesem Medienangebot könnten sich Interessierte theoretisch 48 Stunden lang beschäftigen, bei mehr als einem Besuch.

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