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Nach Fernsehbericht : Gutachter kritisiert Psychiatrie in Frankfurt-Höchst

Missstände: Das Gutachten umfasst 160 Seiten. Bild: dpa

Ein Jahr nach der Wallraff-Dokumenation über das Klinikum Frankfurt Höchst liegt jetzt der 160 Seiten umfassende Abschlussbericht des Gutachters vor. Der übt nicht nur negative Kritik, sondern macht auch Verbesserungsvorschläge.

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          Ein Jahr nachdem die psychiatrische Abteilung des Klinikums Frankfurt Höchst durch einen Fernsehbericht in die Kritik geraten war, liegt der letzte Teil eines Abschlussberichts vor, in dem Mängel aufgelistet und Handlungsempfehlungen ausgesprochen werden. Gutachter Hans-Joachim Kirschenbauer spart in der rund 160 Seiten umfassenden Analyse nicht mit Kritik. Sein Gutachten liest sich aber auch wie ein genereller Aufruf, die psychiatrische Versorgung in Hessen zu verbessern und Standards zu hinterfragen.

          Marie Lisa Kehler

          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Der dritte und letzte Bericht Kirschenbauers enthält konkrete Hinweise, wie Patienten in der Abteilung besser versorgt werden können. Dazu gibt er Ratschläge, was personell und strukturell nötig ist, um diese Ziele zu erreichen. So fordert er unter anderem, dass die Höchster Klinik spätestens bis 2026 ein „Haus der guten Psychiatrie“ werde. Bis dahin müssten viele Abläufe überprüft werden.

          Überfordertes Ärzte- und Pflegepersonal

          Kirschenbauer legte der Klinikleitung nahe, ein verbindliches Leitbild für die Arbeit auf der psychiatrischen Abteilung zu erstellen, das medizinische Personal zu schulen, um eine neue Visitenkultur aufzubauen, und das Entlassungsmanagement zu verbessern, mit dessen Hilfe Patienten in die Anschlussversorgung gehen sollen. Darüber hinaus muss laut Kirschenbauer die Angehörigenarbeit einen höheren Stellenwert bekommen. Dazu gehöre es beispielsweise, das Sprechstundenangebot auszuweiten. „Auch zu Zeiten, zu denen berufstätige Angehörige daran teilnehmen können.“

          Anlass für die Kritik und das Einschalten eines externen Gutachters war der Bericht einer verdeckt arbeitenden Reporterin der RTL-Sendung „Team Wallraff“. Sie hatte Videomaterial aus der psychiatrischen Abteilung der Klinik Höchst geliefert, das den Eindruck von überfordertem Pflege- und Ärztepersonal vermittelte. Nach der Ausstrahlung berichteten ehemalige Patienten in mehreren Medien über ähnliche Erfahrungen in den Räumen der geschlossenen Psychiatrie.

          Prozess „von außen“ kontrollieren und begleiten

          Kai Klose (Die Grünen), der als Sozialminister die Fachaufsicht über die Klinik hat, lobt die „rückhaltlose Sachverhaltsaufklärung“, die nach Ausstrahlung des Fernsehberichts angestoßen worden sei. Dieses Vorgehen habe die Debatte nicht nur erheblich versachlicht. Die nun vorliegenden Ergebnisse und Empfehlungen seien „zudem auch über Höchst hinaus eine gute Grundlage, weiter an der Verbesserung der psychiatrischen Versorgung in ganz Hessen zu arbeiten“.

          Der Prozess, der laut Kirschenbauer nun beginnen müsse, sei als „Projektvorhaben“ mit genau definierten Zwischenzielen zu planen. „Es ist in den letzten Monaten deutlich geworden, dass ein solch komplexer Organisationsentwicklungsprozess weder von der Geschäftsführung noch von der Klinikleitung neben ihrem Tagesgeschäft erfolgreich bewerkstelligt werden kann“, schreibt er in seiner Analyse. Dafür müssten eine von der Geschäftsführung unabhängige Projektleitung, mindestens ein Projektverantwortlicher in der Klinik sowie externe fachliche Beratung beauftragt werden. Diese Prozesse gelte es „von außen“ zu kontrollieren und zu begleiten.

          Die Geschäftsführerin des Klinikums, Dorothea Dreizehnter, kündigte an, sich mit den Vorschlägen intensiv auseinanderzusetzen und zu prüfen, bis wann welche Schritte zu gehen seien. „Unser Bestreben ist es nicht nur jetzt, sondern war es bereits von Anfang an, notwendige Neuerungen so schnell wie möglich zu realisieren.“ So werde schon seit Herbst 2019 ein strukturiertes Qualitätsmanagement aufgebaut. Einige der schon in den Zwischenberichten geforderten Maßnahmen, etwa ein Ruhezimmer, in das sich aufgebrachte Patienten zurückziehen können, haben sich laut Dreizehnter aufgrund der starken Nachfrage bei Handwerksleistungen verzögert. Es soll nun Ende April fertig sein.

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