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Kabarettist Sinasi Dikmen : Güsülü geht in Rente

Musterbeispiel: Sinasi Dikmen war der erste türkische Kabarettist in Deutschland Bild: Wolfgang Eilmes

Sinasi Dikmen war der erste türkische Kabarettist in Deutschland. Jetzt spielt der Gründer der Frankfurter Käs sein letztes Programm.

          3 Min.

          Wie kommt der türkische Bauernsohn aus dem Bergdörfchen Çakirgümüş ins deutsche Kabarett? Bisweilen wundert sich Sinasi Dikmen selbst. Der einstige Bauernjunge aus dem Dorf, in dem es ein Radio, ein Minarett und sonst nicht viel gab, lebt in einer Frankfurter Patchworkfamilie, seine Kinder und Enkelkinder seien „Weltmenschen“ mit türkischen, deutschen, französischen, amerikanischen Wurzeln, sagt Dikmen. Er und seine Frau Ayse Aktay trinken türkischen Tee zum deutschen Apfelkuchen. Und der Begriff Integration ist, bestenfalls, ein schwieriger in ihrer beider Leben.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dikmen, der im Januar laut Passeintrag 70 Jahre alt geworden ist und dessen Geschichte von der Suche nach seinem wahren Geburtsdatum als „Wir werden das Knoblauchkind schon schaukeln“ in Schulbüchern gedruckt wird, sagt gern, damals, 1972, als er nach Deutschland gekommen ist, „gab es noch keine Integration“. Aber es gab Jobs. Auch für den Krankenpfleger, der in seiner Heimat die Liebe zur deutschen Sprache entdeckt hatte. Schon kurz nach seiner Einstellung am Ulmer Klinikum sagte er zu Oberschwester Erika: „Ich werde nicht bis zur Rente Dienst in einem Krankenhaus tun.“

          Eine eigene Bühne

          Er hat recht behalten. Wurde erst nebenbei, dann hauptberuflich Autor, dann Kabarettist und Kabarett-Direktor. Von heute an nimmt Dikmen Abschied: Auf seiner eigenen Bühne, in der Frankfurter Käs, hängt er den Bühnen-Dikmen, der 30 Jahre lang im In- und Ausland auf Deutsch gespielt hat, an den Nagel. Mit einem Abschiedsprogramm, an dem er seit vielen Wochen geschrieben und geprobt hat. Er will nie wieder spielen.

          Aus freien Stücken und, wie er sagt, bevor er gegangen werde. So weit wäre es gewiss nicht gekommen, denn Dikmen, der seit Jahren in seinen Solo-Programmen Fragen von zivilem Miteinander, Religion und deutsch-türkischen Verhältnissen auslotet, hat treue Fans. Deren Zahl aber sei überschaubar, sagt Dikmen. Denn weder hat er je das politisch-philosophische Kabarett in Richtung Comedy verlassen noch seine Themen dem Mainstream angeglichen. Und eigentlich, sagt Dikmen etwas nachdenklich, war ihm das Schreiben immer das Wichtigste: „Ich kann viel besser erzählen als darstellen.“ Schreiben will er wieder mehr, für Zeitungen, Zeitschriften und, vielleicht, sogar ein Buch.

          Das Kabarett sah er als Chance, seine Themen einem größeren Publikum nahezubringen. 1986 sind er und sein damaliger Kollege Muhsin Omurca die ersten Türken auf dem deutschen Brettl gewesen, mit dem Kabarettduo „Knobi-Bonbon“. „Vorsicht, frisch integriert!“ hieß das erste ihrer Programme, denn damals gab es das Wort mit I dann doch schon. Und nach vielen Solo-Werken, die „Kleider machen Deutsche“ hießen oder „Du sollst nicht türken“, ist Dikmen wieder bei einem I-Wort gelandet, einem Programm, das er für ebenso notwendig erachtete wie alle vorhergehenden. In „Islam für Anfänger“ kritisierte er, freundlich, aber durchaus der Dringlichkeit bewusst, die Vereinnahmung durch Religion, sei sie christlich oder muslimisch. Und macht etwa ein fast Houellebecqsches Szenario auf: „Wenn die Deutschen konvertieren, dann gründlich.“ Dass er dann nicht nur von gläubigen Muslimen, sondern auch von einer linksliberalen Tageszeitung als antireligiös kritisiert wurde, findet er bis heute bizarr.

          Überhaupt fällt die Bilanz des Kabarettisten Dikmen recht nüchtern aus. Der Titel seines letzten Programms könnte fast ein Lebensmotto sein, ein satirisches, versteht sich. „Der alte Naive“ heißt der Abend, der zur Hälfte aus alten, zur Hälfte aus neuen Texten besteht, eine autobiographische Reise. Natürlich kommt auch Güsülü vor, jene zum Islam konvertierte Frauenrechtlerin namens Gisela, die Dikmen schon vor vielen Jahren erfunden hat, als könne er in die Zukunft schauen.

          Das konnte er nicht. Nicht, als er aus Çakirgümüş wegging, und auch nicht, als er zusammen mit seiner Frau 1997 aus Schwaben nach Frankfurt kam, um die Käs zu gründen. Sie wollten, erinnern sie sich, damit auch zeigen, dass sie, die Ausländer, das schaffen können: ein deutschsprachiges Theater in Deutschland zu gründen. Es war ein harter Anfang, geholfen haben Dikmens verstorbener Entdecker und Freund Dieter Hildebrandt, Urban Priol, Georg Schramm und viele andere. Zahlreiche Freunde werden auch am Sonntag kommen, für Dikmens allerletzte Vorstellung.

          Es ist nur ein Abschied von der Bühne, nicht von der Käs. Ayse Aktay ist weiterhin für die Zahlen verantwortlich, Dikmen sitzt abends auch mal an der Kasse, während Michael Glebocki und Dorothee Arden nun ebenfalls Geschäftsführer sind.

          Diese Aufteilung macht es ihnen möglich, etwas mehr Urlaub in der Türkei zu verbringen - doch auf das Wiederkommen freuen sie sich jedes Mal. „Ich habe zu beiden Ländern eine Distanz“, sagt Dikmen, der sich weiter ehrenamtlich für die deutsch-türkische Verständigung einsetzen will. Insofern sitzt er zwischen allen Stühlen. Was für einen Kabarettisten genau der richtige Platz ist.

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