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Günthersburgpark Frankfurt : Ein Park im Fitness-Rausch

„Bleib gerade“: Jeroen André Pons leitet ein Fitness-Bootcamp. Bild: Lukas Kreibig

Von Badminton bis Yoga: Wer an einem lauen Sommerabend durch den Günthersburgpark schlendert, zählt 14 verschiedene Disziplinen. Ist diese Stadt im Sportfieber?

          3 Min.

          Neulich, acht Uhr abends, der Deutschlandfunk sendet ein Feature über „Fitness-Tracking“. Es geht um Armbänder, die Schritte zählen, um Brustgurte, die den Puls messen, und um Apps, die den Kalorienverbrauch und den Nachtschlaf überwachen: mithin um das quantifizierte Selbst. Zwischen den Zeilen schwingt viel Kritik mit. An Narzissmus, Optimierungswahn und der Maschine Mensch. Das alles sei die Rückkehr des mechanistischen Weltbilds des 17. Jahrhunderts und spreche für eine Verflachung des Lebens, heißt es im Radio. Ein Freund, selbst Dauerläufer und nicht unbelesen, findet das amüsant: „Als unsportlicher Feuilletonist würde ich das auch behaupten.“

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In den Frankfurter Parks sind schlendernde Spaziergänger eindeutig in der Unterzahl. Abends verwandelt sich zum Beispiel der Günthersburgpark im Nordend in eine einzige große Sportanlage. Von einem Ende zum anderen zählt man nicht weniger als 14 Sportarten: Joggen, Tai Chi, Yoga, Boule, Badminton, Slacklining, Quidditch, Basketball, Fußball, Volleyball, Bootcamp, Frisbee, Tischtennis. Vor dem kleinen Café hat außerdem eine Gruppe den Kassettenrekorder aufgedreht und tanzt Swing.

          Krafttraining für Akademiker

          Ein ganzer Park im Fitness-Rausch. Mittendrin trainiert Jeroen André Pons mit seiner Gruppe. Neben dem Quidditch-Feld, auf dem Harry-Potter-Fans mit Plastikbesen zwischen den Beinen den Bällen hinterherflitzen, leitet der Personal Trainer ein „Fitness-Bootcamp“. Pons versteht den aus der Militärausbildung entlehnten Begriff ironisch. Er trägt keine Springerstiefel und brüllt seine Teilnehmer nicht an. Die Musik dreht er auch nicht zu laut auf, um die Leute auf der Boule-Bahn nicht zu stören.

          Eine Stimme vom Band zählt den Countdown runter: „Get ready to round one. Ten, nine, eight . . .“ Bei „zero“ beginnen die acht Frauen auf der Wiese mit einem schweißtreibenden Parcours: schnelle Schritte durch die Koordinationsleiter auf dem Boden, dann Burpees, also Hock-Streck-Sprünge und Liegestütze im Wechsel, hinein in die Standwaage, eine Kuhglocke stemmen, als würde man einen Koffer ins Gepäcknetz wuchten, Tau schwingen und schließlich Ruderbewegungen am Seil, das um eine Laterne geschwungen ist. Pons sagt: „Wir trainieren den ganzen Körper, nah am Alltag.“

          Spiel in der Abendsonne: Beim Volleyball auf der Wiese überwiegt der Spaßfaktor.

          Das Ganze hat seinen Preis. 175 Euro kostet die Teilnahme an 16 Einheiten. Aber die stolze Summe motiviere auch, meint Nikola Stephan. Die Volkswirtin ist noch recht neu in Frankfurt. Sie hat zuvor in London und Hamburg gelebt und arbeitet in einer Bank. Das Training an der frischen Luft und in der Gruppe motiviert sie zusätzlich. „Das macht einfach gute Laune.“ Die Frauen sind bei Pons in der Mehrheit. Ihr Anteil liegt in seinen Kursen bei 70 Prozent, viele von ihnen sind Akademiker, sitzen viel am Schreibtisch und kämpfen gegen Rückenschmerzen oder ein paar Pfunde zu viel. Sie hoffen auf das, was Pons ihnen verspricht: schnelle Erfolge durch intensives Training.

          Dem muffigen Fitness-Studio Ade gesagt

          Viel günstiger bringen die Mitglieder der TG Bornheim ihre Körper in Form. Der größte Sportverein der Stadt bietet einige seiner Fitness-Kurse auch draußen an, die Teilnahme ist im Monatsbeitrag von zwölf Euro inbegriffen. Die Trainerin Kseniia Diakoniuk geht mit ihrer Gruppe entweder in den Ostpark oder in den Günthersburgpark. Ihr Training gilt als besonders fordernd. „Da kann nicht jeder mithalten, für manche ist es zu hart.“ Diakoniuk will, dass sich ihre Teilnehmer „auspowern“: „Nach fünf Minuten Burpees hassen sie mich so richtig.“ Wie Pons trainiert auch sie vor allem mit dem eigenen Körpergewicht oder mit kleinen Geräten, also Medizinbällen, Kanistern und Springseilen. Manchmal bringt sie aber auch einen Lastwagenreifen mit. Und sie geizt nicht mit Kommandos: „Los geht’s! Beweg dich! Gib Gas!“

          Immer bei der Stange bleiben: das Harry-Potter-Spiel Quidditch

          Täuscht der Eindruck, dass in Frankfurter Parks mehr trainiert wird als früher? Schwappt eine Fitness-Welle durch die Stadt? „Outdoor-Sport ist ein absoluter Trend“, meint Diakoniuk. Ihre Kollegin Katja Gelbert, bei der TG Bornheim für neue Angebote zuständig, berichtet, dass das Interesse an „Functional-Kursen“ stark gestiegen ist. Zum funktionellen Training werden Übungen gezählt, bei denen im Unterschied zum Krafttraining viele Muskeln und Gelenke auf einmal trainiert werden, oft nur mit dem eigenen Körpergewicht, ganz ohne oder nur mit kleineren Geräten. Gelbert beobachtet ganz allgemein, dass die Fitness-Begeisterung wächst. „Vor zwei Jahren war das Fitness-Armband eines der am häufigsten verschenkten Weihnachtsgeschenke.“

          Schlägertypen: zwei Badminton-Spieler im Duell

          Und was sagt Bootcamp-Trainer Pons zur These vom Körperkult? Intensive Fitness-Programme wie das App-gesteuerte Intervalltraining Freeletics seien für viele reizvoll. „Wenn es die Leute in Bewegung bringt, finde ich es okay. Sie sind seltener erkältet, fitter und leben gesünder.“ Ein angenehmer Nebeneffekt sei auch, dass die Menschen die Fitness-Studios verließen und den urbanen Raum zurückeroberten. „Viele meiner Kunden können sich nicht mehr vorstellen, im muffigen Fitness-Studio zu trainieren.“ Das Bootcamp sei kein Saisongeschäft. Zwei Drittel blieben auch im Winter dabei.

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