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Kommentar zu Schulschließung : Kräfte aus der Ferne

„Gülen-nah“? Das Oberurseler private Gymnasium muss schließen, weil es neuerdings an Spenden aus der Türkei mangelt Bild: Wolfgang Eilmes

In Oberursel macht ein Gymnasium dicht. Die erzwungene Schließung der Schule ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie sich die Vorgänge in der Türkei auch hier vor der eigenen Haustüre auswirken.

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          Ob das sprachlich holprige Adjektiv „Gülen-nah“ auf das Gymnasium am Urselbach in Oberursel zutrifft, darüber ist immer wieder gestritten worden. Zumindest die heutigen Gesellschafter, fünf Privatpersonen, sympathisieren nach Aussage des Geschäftsführers der Trägergesellschaft mit dem in Amerika lebenden Prediger Fetullah Gülen. Inwieweit sich dessen Ansichten über die Bedeutung des Islams auf den Unterricht auswirken, ist eine andere Frage. Der Geschäftsführer der Schule und die frühere Direktorin verneinen sie klar.

          Wenn nicht alles täuscht, geht es im Gymnasium am Urselbach tatsächlich vor allem um die anspruchsvolle Vermittlung von Wissen. Womit sich für Kritiker womöglich ein Kreis schließt, ist doch die Förderung von Bildung ein wesentliches Prinzip der Gülen-Bewegung. Auf jeden Fall hat sich die Schule auch unter neutralen Fachleuten Ansehen erworben.

          Der Gülen-Bewegung nahestehend

          Seit gut einem Jahr geht es bei der Einschätzung als „Gülen-nah“ aber nicht nur um Fragen der Weltanschauung in der pluralistischen deutschen Gesellschaft. Für die türkische Regierung ist sie gleichbedeutend mit dem Verdacht, für den gescheiterten Putsch mitverantwortlich zu sein. Der Druck aus Ankara wirkt sich auch hierzulande aus. Ende 2016 musste eine Berufsschule in Würzburg schließen, weil Eltern ihre Kinder abmeldeten, im Juli folgte eine Schule mit Gymnasial- und Realschulzweig in Ludwigsburg. Beide galten als der Gülen-Bewegung nahestehend. Jetzt trifft es das Gymnasium am Urselbach, weil sich die als Ergänzung zur Finanzierung nötigen Sponsoren scheuen, mit den Gesellschaftern in Verbindung gebracht zu werden.

          Die erzwungene Schließung der Schule ist nur ein weiteres Beispiel dafür, wie sich die Vorgänge in der Türkei auch hier vor der eigenen Haustüre auswirken. Wollte man es positiv wenden, zeigt sich darin die eigentlich enge Verbindung zwischen beiden Ländern, auch wenn die Umstände schmerzhaft sind, wie bei den regelmäßigen Mahnwachen in Flörsheim für den dort aufgewachsenen Journalisten Deniz Yücel.

          Dem Gymnasium am Urselbach bleibt angesichts des absehbaren Endes wohl nur, Eltern, Lehrer und Schüler bei der Suche nach einer Alternative zu unterstützen. Der Geschäftsführer hat mit den Informationen nicht gezögert. Das Krisenmanagement scheint ein letzter Pluspunkt für die Schule zu sein.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

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