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Strauss-Oper „Salome“ : Wenn diese großen Augen hören müssten

  • -Aktualisiert am

Reminiszenz an die heutige Welt der Diktatoren: auf dem Hof des Herodes Bild: Karl & Monika Forster

Die Gruppe „Le Lab“ polarisiert mit ihrer Sicht auf die Strauss-Oper „Salome“ das Wiesbadener Publikum. Musikalisch droht das Projekt zu scheitern.

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          Wie ein Baldachin sind Salomes Schleier über Herodes aufgespannt. Der Herrscher hat sich zum rauschhaften „Tanz der sieben Schleier“, den das Hessische Staatsorchester Wiesbaden mit reichlich Verve entfesselt, irgendwas aufs Tablet geladen. Denn Salome, seine Stieftochter, ist in dieser Schlüsselszene der Oper von Richard Strauss abwesend. Wie überhaupt die durchaus kraftvolle Bilderwelt, die das französische Künstlerkollektiv „Le Lab“ um Jean-Philippe Clarac und Olivier Deloeuil in seiner Wiesbadener Neuinszenierung aufbietet, stark von Umdeutungen geprägt ist. So tanzt Salome eben nicht vor Herodes, sondern bewegt sich, per Videoprojektion auf der Bühne zu sehen, im wilhelminischen Foyer des Staatstheaters Wiesbaden, von der gaffenden Festgesellschaft umgeben. Das greift die bisweilen vertretene These auf, Strauss habe mit der Zeichnung des antiken Hofs des Herodes auf die ihm gegenwärtige Umgebung Kaiser Wilhelms II. angespielt.

          Die visuell mächtige, dabei stark von Licht- und Videoeffekten geprägte Erzählweise von „Le Lab“ begegnet in der Wiesbadener Neuproduktion der „Salome“ also dem ebenfalls erklärten Ziel des erstmals am dortigen Staatstheater inszenierenden Kollektivs, in seinen Arbeiten einen Bezug zum Aufführungsort herzustellen. In der Summe mag das alles dazu beitragen, dass die Inszenierung beim Premierenpublikum ihr volles Polarisierungspotential entfaltete. Obwohl doch eigentlich Videoeinspielungen in der Oper allmählich als oft genug dagewesen auf den Prüfstand gehören. Und obwohl einiges, was auf zwei Leinwänden im hinteren Rund der arenaartigen Einheitsbühne zu sehen ist, arg im Dekorativen verharrt: Wüste und Steine, Sonne, Mond und Sterne.

          Hof des Herodes im Hier und Heute

          Der Hof des Herodes, nicht etwa verklärend orientalistisch gezeichnet, sondern knallhart im Hier und Heute einer Diktatorenwelt angesetzt, ist von ständiger wechselseitiger Beobachtung geprägt. Kameras blicken sogar in den Container des politisch-religiösen Gefangenen Jochanaan, auf den Leinwänden gehören ins Riesige vergrößerte Augen zu den starken visuellen Elementen. Salome selbst verpuppt sich in einem glänzenden Ganzkörperanzug und regt damit die Fantasien ihrer männlichen Umgebung an; damit ruft die Inszenierung wiederum ein naheliegendes Motiv ab. Dass die Dekadenz heute längst kein Privileg der Mächtigen mehr ist, vergisst sie wiederum. Denn immer rücken die Protagonisten in gefährlich weite Entfernung, der vor sich hin brütende Prophet, der Herrscher und seine furienhafte Herodias, selbst der Hauptmann Narraboth als hier nur eigenartig schwach konturierter Verehrer Salomes.

          Musikalisch schrammt die neue Wiesbadener „Salome“ ohnehin nur haarscharf am Totalausfall vorbei. Das Hessische Staatsorchester mag unter der Leitung seines Generalmusikdirektors Patrick Lange manche Tutti wuchtig und rauschhaft ausspielen – sobald, wie etwa in den zahlreichen solistischen Bläserpassagen, feinere Töne gefragt sind, häufen sich die Patzer und gestalterischen Einfallslosigkeiten. Als Salome ist Sera Gösch eine Fehlbesetzung, die man vor der Ausbeute ihrer vokalen Möglichkeiten hätte warnen müssen. Ihren perfiden Schlussgesang, den sie hier nicht nur vor dem Schädel, sondern über dem ganzen Körper Jochanaans singt, markiert sie im freien Zurechtlegen der Gesangslinien bei ausgelassenen Höhen und fehlender Durchsetzungskraft nur noch; darstellerisch hat sie sich zuvor schon vielfach ins Kindliche zurückgezogen. Andrea Baker mag die Partie der Herodias keifend noch im weiteren Sinne rollendeckend ausfüllen, Simon Bode wirkt mit seiner eigentlich schönen Liedstimme hier dagegen völlig verloren. Als Einzigem gelingt es Frank van Aken mit seiner intelligenten Profilierung des Herodes und Thomas de Vries mit seiner eindringlichen Gestaltung der Jochanaan-Partie, mit Substanz der Bildgewalt zu begegnen und diese Neuinszenierung nicht völlig zerfahren erscheinen zu lassen.

          Weitere Vorstellungen am 21., 24. und 27. Februar sowie am 2., 7., 15. und 28. März von 19.30 Uhr an, am 10. März von 16 Uhr an.

           

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