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Debatte um Grundeinkommen : Die hohe Kunst des Meinungsstreits

„Sie sind eine Marionette des Systems!“

„Bitte geben Sie das Mikrofon zurück, andere Leute wollen auch noch etwas sagen“, fordert die Moderatorin Annika Glose ihn schließlich auf. „Ich habe halt mehr zu sagen als andere“, ruft der Mann da. Die Moderatorin holt die Security. Der Mann beleidigt sie derweil: „Was ist das für eine scheiß Moderation, Sie sind eine Marionette des Systems!“ Er prustet in eine Trillerpfeife, um die Mikrofone zu übertönen. Als später die Polizei eintrifft, um den Mann des Hauses zu verweisen, sagt ein Beamter mit fast schon resigniertem Ton: „Es gibt Regeln, und wenn die Ihnen nicht passen, dürfen Sie nicht kommen.“

Unbeeindruckt von der Szene konzentrieren sich die Diskutanten auf ihr Ziel für diesen Abend: Leute überzeugen, um Stimmen zu gewinnen. Denn es folgt eine zweite Abstimmung. Straubhaar hat in seiner Eröffnungsrede postuliert, dass das Grundeinkommen die Chance sei, nicht mehr einzig für die Arbeit leben zu müssen. Das jetzige System kümmere sich um Schwache erst, wenn sie schwach geworden seien. Sein System lasse die Probleme gar nicht erst entstehen. Alt hat dem zehn Punkte entgegengehalten, unter anderem, dass ein Grundeinkommen unfair sei: Behinderte bekämen dann zum Beispiel genauso viel wie ein gesunder junger Mann, obwohl ihre Pflege und Betreuung davon nicht zu bezahlen sei. „Für mich stellt das unser Wertesystem auf den Kopf – jeder leistet, was er kann für die Gesellschaft.“

Plädoyer für kürzere Arbeitszeiten

Noch schlimmer findet Alt, dass auch Menschen wie der ehemalige VW-Chef Martin Winterkorn zusätzlich zur Rente von 3000 Euro am Tag die Grundsicherung bekämen. Außerdem spalte sie die Gesellschaft in Produktive, für die es noch zusätzliche Arbeit gebe, und Nutzlose, kritisiert Alt. Wenn es in Zukunft wirklich weniger Jobs gebe, weil die Arbeit von Robotern gemacht werde, plädiere er für kürzere Arbeitszeiten. Zudem sei das Projekt auch nicht zu finanzieren.

„Das ist finanzierbar, wenn die Gesellschaft das will“, hält Straubhaar dem entgegen. Die Wiedervereinigung sei unter ökonomischen Gesichtspunkten auch keine gute Idee gewesen, doch der politische Wille sei da gewesen. Er sei sofort bereit, eine Sonderregel für Behinderte zu treffen, fügt er hinzu. Acht Prozent der Sozialleistungen gingen in Deutschland derzeit an Behinderte. „Lassen Sie uns doch eine bessere Politik für 92 Prozent der Menschen machen, und für die acht Prozent eine Ausnahmeregelung finden.“

Nachdenklich nach der Debatte

Eine Frau, die sich als Arbeitgeberin vorstellt, fragt, wie sie in Straubhaars System noch Arbeitnehmer finden solle. „Die meisten werden weiterarbeiten wollen“, sagt der Professor. Das belege die Glücksforschung. Und sie habe noch einen weiteren Drehknopf, sagt er der Fragestellerin: „Sie müssen mehr werben und besser bezahlen – wenn etwas knapp wird, muss es teurer werden, da bin ich ganz Ökonom.“ Der Saal klatscht. Alt wirft ein, dass Unternehmen in der globalisierten Welt dorthin abwandern werden, wo sie günstiger produzieren können. „Aber wir müssen neue Wege gehen – das alte System fliegt uns um die Ohren“, entgegnet Straubhaar.

Die Debatte ist vorbei. Annika Glose bittet abermals um eine Abstimmung. Die Hände gehen nur langsam hoch. Viele wirken nachdenklich. Glose entscheidet schließlich, dass es eine hauchdünne Mehrheit für Alt gibt. Doch durch ist das Thema damit nicht. Alle, die aus dem Saal in die Nacht strömen, diskutieren weiter, ausgestattet mit ganz neuen Argumenten.

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