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Grünen-Politiker Al-Wazir : Der ewige Herausforderer

  • -Aktualisiert am

Tarek Al-Wazir: „Wenn man jahrelang sagt, wie man es besser machen könnte, muss man auch mal beweisen, dass man es kann.“ Bild: Kretzer, Michael

Kämpfertyp aus Offenbach: Tarek Al-Wazir steht wohl vor dem letzten Anlauf, an der Spitze der hessischen Grünen Regierungsverantwortung zu übernehmen.

          Zur Riege der Männer, deren Namen für den Aufstieg der hessischen Grünen von einer Protest- und Ökopartei zu einer ernstzunehmenden Kraft der „linken Mitte“ stehen, gehört neben Joschka Fischer und Rupert von Plottnitz auch Tarek Al-Wazir. Intelligenz, Stetigkeit, Fleiß, Eloquenz und Öffentlichkeitswirksamkeit, vor allem aber das Gespür für die richtigen Themen zeichnen ihn aus - eine nicht nur in Hessen außergewöhnliche Kombination. Seit fünf Jahren vereint der Kämpfertyp aus Offenbach als Erster in seiner Partei die Ämter des Landesvorsitzenden und des Fraktionschefs, er gehört laut Umfragen zu den bekanntesten und beliebtesten hessischen Politikern. Doch was hilft’s? Im Gegensatz zu seinen beiden Vorkämpfern hat er es bisher nicht zu Ministerehren gebracht.

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Bezeichnung Nachwuchsstar verbietet sich bei einem Einundvierzigjährigen mit sichtbar grauer werdenden Haaren, auch wenn das Gesicht und die Gestalt jungenhaft geblieben sind. Seinen Nimbus als Hoffnungsträger der hessischen Grünen hat sich der Diplom-Politologe Al-Wazir aber - allen Rückschlägen zum Trotz - bewahrt. „Koch muss weg“ lautete sein Motto in drei Landtagswahlkämpfen. Der CDU-Ministerpräsident war ein Feindbild, weil er, wie die Grünen meinten, seine Wahl 1999 einer mit ausländerfeindlichen Tönen unterlegten Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft verdankte, wegen seines Verhaltens in der CDU-Schwarzgeldaffäre, aber auch, weil Al-Wazir in ihm seinen einzigen ernstzunehmenden Gegenspieler zu erkennen glaubte. Der Sturz Kochs, so die These des Grünen, würde der Anfang vom Ende der CDU-Dominanz in Hessen sein.

          2009 holten die Grünen in Hessen 13,7 – auch dank Al-Wazir

          Koch ist als Politiker inzwischen Geschichte, aber die Union stellt noch immer den Ministerpräsidenten, und Al-Wazir entwickelt sich zum ewigen Herausforderer. Ende 2013 nimmt er nach 2003, 2008 und 2009 zum vierten Mal Anlauf, um die CDU aus der Regierung zu drängen - am liebsten gemeinsam mit der SPD. Bei der Landtagswahl 2009 holten die hessischen Grünen mit 13,7 Prozent ihr bis dahin bestes Ergebnis in einem Flächenland, auch deshalb, weil es Al-Wazir gelungen war, den Eindruck zu erwecken, seine Partei habe mit dem Scheitern der Pläne Andrea Ypsilantis nichts zu tun. In Wahrheit gehörte der Grünen-Chef zu jenen, die die Sozialdemokratin gedrängt hatten, das Experiment einer von der Linkspartei tolerierten Minderheitsregierung zu wagen, in der er Umweltminister geworden wäre.

          Beim nächsten Mal soll nun alles besser, sprich ohne die Linkspartei laufen, und tatsächlich lassen Umfragen derzeit eine rot-grüne Mehrheit möglich erscheinen. Auch andere Konstellationen, beispielsweise ein Bündnis mit der CDU, schließt Al-Wazir nicht grundsätzlich aus. Nur mit der SPD wäre aber neben einem Regierungswechsel auch jener Politikwechsel zu schaffen, den die Grünen in Hessen anstreben. Ein „Weiter so“, für das Ministerpräsident Bouffier stehe, ist aus Sicht Al-Wazirs zu wenig. Hessen könne mehr, müsse Schrittmacher und Wegbereiter sein - bei der Energiewende, in der Bildungspolitik, im Kampf um den sozialen Zusammenhalt, bei der Haushaltskonsolidierung und nicht zuletzt im Stil der politischen Auseinandersetzung. Die CDU, so Al-Wazir, betrachte das Land zunehmend als Verfügungsmasse, sei zu Selbstkritik kaum noch fähig und halte sich für unfehlbar.

          Hitzig diskutierend: Tarek Al-Wazir bei der Generaldebatte zum Landeshaushalt im November 2012.

          Für sich und seine Partei nimmt er hingegen in Anspruch, nicht nur eine andere, sondern auch eine „anständigere“ Politik machen zu wollen. „Es ist jetzt an der Zeit“, meint er. „Wenn man jahrelang sagt, wie man es besser machen könnte, muss man auch mal beweisen, dass man es kann.“

          Die Jahre auf den Oppositionssitzen haben die Grünen genutzt, um sich mit Gesetzentwürfen und Positionspapieren zu zentralen landespolitischen Themen einen Ruf als „Konzeptpartei“ zu erarbeiten und Regierungsfähigkeit zu demonstrieren. Ihm gehe es nicht um den schnellen Erfolg, sondern um Inhalte, behauptet Al-Wazir von sich. „Gewinnen ist nicht alles.“ Doch langsam läuft dem Grünen-Frontmann die Zeit davon. Sollte es im Herbst nächsten Jahres wieder nicht für eine Mehrheit mit den Sozialdemokraten reichen, trauen ihm viele deshalb auch das Wagnis einer Koalition mit der Union zu. „Der will um jeden Preis Minister werden“, heißt es in den Reihen der Opposition.

          Sein Motto: „Nicht nur motzen, sondern machen“

          Der Mann, dessen Nachname „Minister“ bedeutet, kam 1971 als Sohn einer deutschen Lehrerin und eines jemenitischen Diplomaten in Offenbach zur Welt. Als er drei Jahre alt ist, kehrt sein Vater in sein Heimatland zurück, der Junge wächst bei der Mutter auf, die ihn zu Friedensdemonstrationen und mit zehn Jahren ins Hüttendorf der Startbahn-West-Gegner am Flughafen mitnimmt. Mit 14 verbringt er zwei Jahre im Jemen, eine prägende Zeit: Er lernt Arabisch, stellt aber am Ende fest, dass er nach Deutschland gehört. An der Robert-Koch-Schule in Offenbach ist er Klassen- und Unterstufensprecher, organisiert Hilfsaktionen für Nicaragua. „Nicht nur motzen, sondern machen“, hat er sich vorgenommen, doch dabei kommt der Unterricht gelegentlich zu kurz. Al-Wazir bleibt sitzen, schafft dann aber das Abitur. Es folgen Zivildienst und Studium der Politikwissenschaft in Frankfurt.

          Tarek Al-Wazir (rechts) zusammen mit (v. l.) dem hessischen Justizminister Joerg-Uwe Hahn (FDP), dem Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU) und dem SPD-Landesvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel bei der Haushaltsdebatte in Wiesbaden.

          Mitglied der Grünen war Al-Wazir schon als Schüler geworden. Er ist bei der Gründung der Grünen Jugend Hessen dabei und 1992 bis 1994 deren Vorsitzender. 1993 zieht er in die Stadtverordnetenversammlung von Offenbach ein, 1995, im Alter von 24 Jahren, in den Hessischen Landtag, wo er zu Zeiten der rot-grünen Regierung gleich das Amt des innenpolitischen Sprechers der Fraktion übernimmt. Im Mai 2000 wird er Fraktionsvorsitzender.

          Als Roland Koch 1999 eine Kampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft initiiert, spuckt ein Mann vor dem vermeintlichen Ausländer Al-Wazir aus. „Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen“, plakatiert die CDU im Wahlkampf 2008, und der Grünen-Chef glaubt, dass damit auf Ressentiments gegen Ausländer spekuliert werde. Das tut weh. Bei einer Podiumsdiskussion vor Journalisten verweigert er Koch deshalb den Handschlag. Kurz darauf tritt der Grünen-Chef im Wiesbadener Kurhaus zusammen mit Joschka Fischer auf. Ypsilantis Mädchenname sei Dill, ruft er ins Publikum, und der Mädchenname seiner Mutter Knirsch. „Ein Plakat, das vor Dill, Knirsch und den Kommunisten warnt, hätte es nie gegeben.“

          Zu seiner Heimatstadt Offenbach, wo er immer noch in der Stadtverordnetenversammlung sitzt, hat Al-Wazir eine ganz besondere Beziehung. „Offenbach hilft“, sagt er, weil dort bestimmte Entwicklungen - Schwierigkeiten bei der Integration von Ausländern, die Konsequenzen des Flughafenausbaus - früher und intensiver zu erleben seien. Nach dem Ypsilanti-Desaster Ende 2008 könnte Al-Wazir in den Bundestag wechseln, doch das will er seiner Frau, einer Jemenitin, und seinen zwei kleinen Söhnen, die zweisprachig aufwachsen, damals nicht zumuten.

          Er hat der hessischen Grünen jahrelang ein Gesicht gegeben

          Manchmal scheint es, als lasse der Elan des Hobby-Dauerläufers in seinem dreizehnten Jahr als Fraktionsführer nach. Doch das, versichert Al-Wazir, sei nur eine kurze Ruhephase vor dem bevorstehenden Wahlkampf-Marathon. Wenn es mit dem Regierungsamt auch nach der nächsten Landtagswahl nichts werden sollte, werde er der hessischen Politik wohl den Rücken kehren, heißt es. „Wenn man gewinnen will, darf man nicht darüber nachdenken, was man macht, wenn man verliert“, sagt er selbst zu solchen Spekulationen. Immerhin: Anders als noch vor vier Jahren vermag man sich heute vorstellen, dass die hessischen Grünen auch ohne den Mann reüssieren könnten, der ihnen jahrelang ein Gesicht gegeben hat. Dass das so ist, hat die Partei nicht zuletzt Al-Wazir zu verdanken.

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