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Frankfurter Grüne Soße : Hoffen auf ein Ende der Borretsch-Krise

Sieben Kräuter sollt ihr sein - für die Grüne Soße: Borretsch (vorne), dahinter Schnittlauch und Sauerampfer. Auf dem Schnittlauch liegt Pimpinelle, dahinter Kerbel, Kresse, Petersilie. Bild: Cornelia Sick

Am Gründonnerstag verkaufen die Frankfurter Gärtner mehr Grüne Soße als im ganzen Rest des Jahres. Doch dann kam die Meldung, dass Borretsch, eines der Kräuter, viel von einem Pflanzenstoff enthält, der krebserregend sein kann.

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          Eines können die Oberräder Gemüsegärtner in diesen Tagen gar nicht gebrauchen: schlechte Nachrichten, die irgendetwas mit den sieben Kräutern zu tun haben, die kleingehackt in die Grüne Soße kommen. Das Gericht hat traditionell an Gründonnerstag und Karfreitag Hochkonjunktur. Vor einem Jahr hatte eine Nachricht des Bundesinstituts für Risikobewertung den Frankfurtern das Geschäft verhagelt: Die Prüfer teilten mit, eines der Kräuter, Borretsch, enthalte in bedenklichem Maß einen giftigen Pflanzenstoff, der in großen Mengen zu Krebs und tödlichen Leberschäden führen könne.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ein Lebensmittelchemiker des Instituts riet zum Entsetzen der Gemüsegärtner, Borretsch „zu meiden, wo man es vermeiden kann“. Reinhold Scondo, einer der acht übrig gebliebenen Gemüsegärtner in Oberrad, versteht die Alarmmeldung bis heute nicht. „Wir haben doch die Grüne Soße schon als Kinder gegessen.“ Borretsch sei ein Heilkraut, was solle daran gefährlich sein, fragt er. Doch solche Einwände halfen nichts: Der Umsatz der Grünen Soße brach in der Karwoche um 30 bis 40 Prozent ein. „Das hat richtig weh getan“, sagt Thomas Södler vom hessischen Gärtnereiverband.

          Acht Prozent Borretsch in der Soße

          Dabei saß den Gemüsebauern noch die Ehec-Krise aus dem Frühsommer 2011 in den Knochen. Damals waren erst Gurken, später Tomaten und Salat in Verdacht geraten, mit dem Bakterium verseucht zu sein, das 53 Menschen tötete. Schließlich wurde aus Ägypten eingeführter Bockshornkleesamen als Keimträger identifiziert. „Unter Ehec haben alle Frischproduzenten gelitten“, sagt Söder, und bis heute hätten sie sich nicht richtig davon erholt. Das gelte auch für die Frankfurter Gemüsegärtner.

          Die Bauern und der Gärtnereiverband hoffen, wenigstens den Borretsch eines Tages wieder rehabilitieren zu können. Der mache doch nur acht Prozent des Gewichtsanteils in einer Packung Grüner Soße aus, sagt Södler. Zu ihr gehören ansonsten Petersilie, Schnittlauch, Kresse, Kerbel, Sauerampfer und Pimpinelle, die in Papier eingeschlagen und als Bündel auf Märkten und in Geschäften verkauft werden.

          Grüne Soße als geschützte Marke

          Gartenbauspezialisten der Hochschule Geisenheim wollen nun ermitteln, welche Teile des Borretsch-Gewächses bedenkliche Mengen von Pyrrolizidin-Alkaloiden enthalten. Stecken diese giftigen Pflanzenstoffe möglicherweise nur in den jungen Trieben, und hängt es von der Sorte ab, wie hoch die Konzentration ist? Das sind Fragen, denen die Fachleute zusammen mit Södler nachgehen wollen. Ehe es Antworten gebe, werde es noch dauern, sagt er. Doch man werde sicher eine Lösung finden.

          Södler kann sich nicht vorstellen, dass es eines Tages eine Frankfurter Grüne Soße ohne Borretsch gibt oder vielleicht sogar eine mit Dill und Zitronenmelisse, wie sie in Nordhessen oft zubereitet wird. Denn der Gärtner ist auch Geschäftsführer des Vereins zum Schutz der Frankfurter Grünen Soße, der 2006 vom Oberräder Gemüsebauer Rainer Schecker gegründet worden ist. Der Verein will die heimische Soße mit ihren sieben Kräutern und deren typischem Mischungsverhältnis von der EU als geographisch geschützte Marke eintragen lassen, so wie etwa die Aachener Printen und den Dresdner Stollen. Gelänge dies, müssten zumindest 70 Prozent der Kräuter in einer Packung Frankfurter Grüne Soße aus der Mainmetropole stammen, der Rest dürfte zugekauft werden, etwa aus Norditalien und Südfrankreich. Das ist im Frühjahr oft bei der Petersilie nötig, die derzeit trotz der Gewächshäuser noch nicht zum Verzehr geeignet ist.

          Södler und der gesamte Verein sind zuversichtlich, die Anerkennung von der EU zu bekommen. Das könne allerdings noch dauern. Erst dieser Tage habe die Kommission wieder einmal Unterlagen angefordert. Das sei eben „ein ganz langer bürokratischer Prozess“, sagt Södler. Den ersten Antrag habe er vor elf Jahren beim Bundespatentamt gestellt.

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