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Gründerszene Frankfurt : Die Vermessung der Start-up-Welt

  • -Aktualisiert am

Wollen das Geld der Anleger: Lars Reiner, Raphael Vosen und Philipp Franke (von links) vom Start-up Ginmon. Bild: Wonge Bergmann

Frankfurt sieht sich gern als Zentrum für Unternehmensgründer. Doch bisher weiß man nicht einmal, wie viele Start-ups es in der Stadt überhaupt gibt.

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          Wäre dieser heiße Nachmittag eine Bingo-Partie, dann könnte man den Spieler mit den Worten „eigentlich“ und „aber“ auf dem Zettel schon nach ein paar Minuten zum Sieger küren. In einem Konferenzraum der Goethe-Universität werden die Ergebnisse einer Studie über die Bedingungen für Unternehmensgründer in Frankfurt vorgestellt, und wenn Redner, Diskutanten und Zuschauer etwas sagen, dann klingt das oft so: „Eigentlich hat Frankfurt alles, um für Start-ups attraktiv zu sein, aber irgendwie gibt es nicht den Gründergeist wie in Berlin.“

          Das mag jetzt den ein oder anderen etwas überraschen. Schließlich führen Kommunalpolitiker gerne das große Wort „Gründerhauptstadt“ im Mund, wenn sie von Frankfurt sprechen. Erst vor kurzem auf der Preisverleihung für den 14.Gründerpreis bezeichnete Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) die Stadt als „attraktives Zentrum für Start-ups“. Und der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung, Oliver Schwebel, sieht Frankfurt „deutschlandweit ganz vorne“.

          Schlechte Statistiken für Frankfurt

          Frankfurt also eine Start-up-City? Vielleicht nicht ganz so hip wie Berlin, dafür aber reich und sexy? Wohl eher: Reich, aber nicht sexy, zumindest nicht für Gründer.

          Im deutschen Start-up-Monitor 2014 gibt es eine Karte des Bundesgebiets. Vier Gründerregionen sind darauf markiert. Um Berlin erstreckt sich wenig überraschend der größte Kreis; 39 Prozent der gut 900 untersuchten Start-ups haben ihren Sitz in der Hauptstadt. Es folgen München und die Region Rhein-Ruhr (Köln, Düsseldorf und so) mit je acht Prozent sowie Hamburg mit sieben Prozent. Frankfurt oder die Rhein-Main-Region sind nicht auf der Karte aufgeführt. Im Gebiet Hessens ein verloren wirkender Klecks – nur drei Prozent aller Start-ups haben in diesem Bundesland ihren Sitz.

          Nach diesen ernüchternden Zahlen würde man gern wissen, was sich seit dem Start-up-Monitor aus dem vergangenen Jahr verändert hat. Sind seither viele Unternehmen in und um Frankfurt gegründet worden? Wie viele Start-ups gibt es überhaupt?

          Dünne Faktenlage über Start-ups

          Dummerweise kann einem das niemand beantworten. Nicht die Frankfurter Wirtschaftsförderung und nicht die Industrie- und Handelskammer. Nicht der Unibator, die Gründerbrutstätte der Goethe-Universität, und nicht der Bundesverband Deutsche Start-ups. Zwar erhebt die IHK Frankfurt die Zahl der Gewerbeanmeldungen, die übrigens 2014 von den Gewerbeabmeldungen übertroffen wurde, allerdings wird dabei jedes Gewerbe eingerechnet, also auch die Würstchenbude und das Nagelstudio, und die gelten ja eher nicht als Start-ups.

          Weil es kaum Fakten gibt, kann man prima beide Geschichten über die Gründerszene in der Region erzählen: die Loser-Story, weil es im Vergleich zu anderen Städten offenbar nur sehr wenige Start-ups gibt. Kaum Fachkonferenzen. Keine Vorbilder, wie in Berlin mit den Samwer-Brüdern.

          Von den guten Geschichten aus der Gründerszene

          Problemlos lässt sich aber auch das Aufstiegsmärchen erzählen, weil sich in letzter Zeit einiges tut. Die Commerzbank eröffnet den Main Incubator, um junge Unternehmen der Finanzbranche zu fördern und sich an ihnen zu beteiligen. Gründerstammtische und Start-up-Wochenenden schießen aus dem Boden. Ein paar Wirtschaftsstudenten mehr überlegen, etwas Eigenes zu machen, statt in den Glastürmen die Nächte durchzuarbeiten. Und wer will, findet sogar Vorbilder. Carlo Kölzer zum Beispiel. Vor fünfzehn Jahren saß der Frankfurter in einem Zimmer über einem griechischen Lokal vor einem Rechner, der auf einer Bierkiste stand. Heute ist er der Chef der Devisenhandelsplattform 360 T, eines Unternehmens mit 220 Mitarbeitern an fast 30 Standorten weltweit. Glaubt man den Gerüchten, will die Deutsche Börse die Handelsplattform übernehmen. Als Kaufpreis kursiert alles zwischen 600 und 750 Millionen Euro.

          Im Vergleich zu manchem Geschäft der Samwer-Brüder mag das als lächerlich wenig erscheinen. Doch über den ewigen Vergleich mit der Hauptstadt sollte man eines nicht vergessen: Berlin hat 3,5 Millionen Einwohner, Frankfurt 700.000. Selbst das gesamte Rhein-Main-Gebiet hat längst nicht so viele Bewohner wie der Großraum Berlin.

          Der Anfang einer Statistik für das Rhein-Main-Gebiet

          Schaut man sich die Zahl der Start-ups im Verhältnis zur Bevölkerung an, erscheint die Lage in der Region gar nicht mehr so trostlos. Im Rhein-Main-Gebiet kamen auf 10000 Erwerbsfähige von 2010 bis 2013 ungefähr 3,5 Start-ups; in Berlin waren es etwas mehr als vier. Bei den Jungunternehmen der Finanzbranche lag Rhein-Main sogar leicht vor der Hauptstadt.

          Die Zahlen stammen vom RKW Kompetenzzentrum aus Eschborn, einer vom Wirtschaftsministerium geförderten Forschungseinrichtung. Zusammen mit dem Unibator untersucht das Zentrum zurzeit, wie es um die Gründerszene in der Region bestellt ist. Fertig ist die Studie noch nicht, und wie es so ist mit wissenschaftlichen Arbeiten, hechelt sie der Gegenwart hinterher. Dennoch könnte man bald genauer wissen, wie viele Start-ups es im Rhein-Main-Gebiet gibt.

          Denn Mitte der Woche hat der Unibator offiziell eine Karte im Internet veröffentlicht, auf der eines möglichst baldigen Tages alle Start-ups der Region verzeichnet sein sollen. Derzeit sind das gut 100, doch da zum Beispiel aus Mainz gerade einmal fünf Unternehmen gelistet sind, dürfte die tatsächliche Zahl deutlich höher liegen.

          Förderung für Gründer soll ausgeweitet werden

          Nicht nur mit der Vermessung der Start-up-Welt geht es voran, es gibt noch mehr gute Neuigkeiten. Manches mag zwar eher symbolisch sein wie die Ankündigung der Wirtschaftsförderung, Gründer zu einem runden Tisch einzuladen („Round Table“ genannt, sind schließlich diese Digital Natives). Doch es gibt auch Handfestes: Wie zu hören ist, plant die Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen, die Förderung für Unternehmensgründer auszuweiten. Eine Gruppe um den Gründer Kim Körber möchte aus dem Gebäude an der Uhlandstraße 2 nahe der EZB ein Zentrum für Start-ups machen. Und falls Carlo Kölzers 360 T tatsächlich für mehrere hundert Millionen Euro verkauft würde, dann hätte Frankfurt auch endlich seine Erfolgsgeschichte.

          In wenigen Wochen wird übrigens der Start-up-Monitor 2015 veröffentlicht. Berlin wird weiterhin die Rangliste anführen, so viel gilt als sicher. Doch vielleicht wird das Rhein-Main-Gebiet zumindest irgendwo auf der Landkarte zu finden sein.

          Zentrum für Unternehmensgründer soll neben der EZB entstehen

          Einer der größten Nachteile Frankfurts sei der Immobilienmarkt, sagen viele Gründer. Nicht so sehr die Höhe der Miete für Büros stört sie dabei, sondern die Dauer der Verträge. Denn mit einem Mietvertrag über zehn, ja sogar über nur fünf Jahre kann ein Start-up kaum etwas anfangen. Schließlich ist das Unternehmen bis dahin entweder durch die Decke gegangen und braucht viel mehr Platz, oder es ist pleite und braucht überhaupt keinen Platz mehr. Zwar bestehen mit dem Mainraum und dem Gründerzentrum Möglichkeiten, günstig und flexibel Büros zu mieten. Doch seien sie zu klein, nur schwer zu bekommen und - im Fall des Gründerzentrums in Fechenheim - viel zu weit von der Innenstadt entfernt, so die Klage vieler Gründer.

          Statt auf ein zusätzliches Angebot der Stadt zu warten, versucht die Gründerszene nun offenbar, sich selbst zu helfen. Das junge Beratungsunternehmen Black Chili mit acht Mitarbeitern will zweieinhalb Etagen des Gebäudes an der Uhlandstraße 2, einst Sitz der Werbeagentur Saatchi und Saatchi, mieten und dort auf 2500 Quadratmetern Co-Working-Arbeitsplätze und Büros für Gründer einrichten. Man sei in den „finalen Verhandlungen“ mit dem Vermieter Corpus Sireo, sagte Kim Körber, der bei Black Chili als Partner fungiert, dieser Zeitung. Sofern der Mietvertrag zustande komme, wolle man das Zentrum für Gründer, das Platz für 200 bis 250 Beschäftigte biete, Ende des Jahres eröffnen. Ein erster Sponsor sei gefunden, zudem habe ein großes Softwareunternehmen Interesse, in dem Gebäude für sich zu werben, sagte Körber.

          Durch die Tätigkeit von Sponsoren könnten die Büros zu geringeren Mietpreisen angeboten werden. Auch die ersten Start-ups haben laut Körber schon Interesse bekundet, darunter ein Fintech-Unternehmen aus Berlin, das nach Frankfurt umziehen möchte. Pläne für ein Start-up-Zentrum gibt es allerdings auch anderswo: Der Bad Homburger Unternehmer Jörg-Peter Schultheis hatte vor einigen Monaten angekündigt, in Bad Vilbel im Quellenpark einen Campus für Start-ups errichten zu wollen. Einen entsprechend ambitionierten Namen für das Projekt hat Schultheis auch schon parat: „Silicon Valley of Europe“.

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