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Grube Messel : Mit moderner GPS-Technik in die Vorzeit

  • -Aktualisiert am

Puzzlespiel: Paläontologen suchen in der Grube Messel nach fossilen Spuren von Lebewesen Bild: Wohlfahrt, Rainer

Die aktuelle Grabungskampagne des Landesmuseums in der Grube Messel hat begonnen. Im Fokus steht die Erforschung des Lebensraums.

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          Die Paläontologen des Hessischen Landesmuseums Darmstadt sind Minimalisten. Ihnen kommt es auf den Zentimeter an. Deshalb gehört zum „Grabungswerkzeug“ von Sabine Gwosdek auch ein GPS-Gerät. Das satellitengestützte Gerät zur Positionsbestimmung kommt bis Mitte September täglich in der Grube Messel zum Einsatz. Dort sind Wissenschaftler und Studenten wieder einmal dabei, ein „Fenster in die Vergangenheit“ zu öffnen, in die vor etwa 48 Millionen Jahren.

          Am Donnerstag hielt die Geowissenschaftlerin Vanessa Roden ein solches Fensterchen in der Hand: eine dunkle Schieferplatte, an deren Rand sich ein hellbrauner Fleck abzeichnete. Eine Verfärbung? Vogeldreck vielleicht? Nichts dergleichen: „eine Schwanzflosse“, versicherten Roden und Gwosdek, die sich über Jahrtausende im Schiefer bewahrt habe.

          Beinahe wäre es eine Mülldeponie geworden

          So etwas erkennt natürlich nur die Fachfrau, während der unbedarfte Besucher im Planquadrat H8/9 zunächst nichts anderes wahrnimmt als einen Schutthaufen von kleinen und kleinsten Schieferplättchen, die aussehen, als habe hier ein Gärtner großzügig Rindenmulch verteilt. Den Vorwurf von Unwissenheit muss sich deshalb niemand machen. Auch namhafte Politiker haben in den siebziger Jahren die wissenschaftliche Bedeutung der längst zur Weltnaturerbe-Stätte erhobenen Grube Messel nicht erkannt, weshalb sie dort eine Mülldeponie anlegen wollten. Obwohl es dazu nie gekommen ist, wirken die alten Pläne bis heute nach.

          Denn als 1975 die Grube in den Besitz des Zweckverbands Abfallbeseitigung Südhessen überging, begannen die Wissenschaftler des Landesmuseums mit Notgrabungen nach der Devise „retten, was zu retten ist“. Meist wurden große Platten herausgehebelt, aufgespalten und nach Fossilien durchsucht. Die dabei gemachten spektakulären Funde wie das fossile Urpferchen Eurohippus sind bis heute Aushängeschilder des Landesmuseums. Den möglichen Grabungstechniken entsprachen die Notgrabungen freilich nicht.

          Ein Zentimeter bedeutet 100 Jahre Vergangenheit

          Nun würden sich Roden und Gwosdek selbstverständlich freuen, stießen sie in den nächsten Wochen wieder auf ein stattliches Säugetier. Aber darauf liegt nicht der Fokus. Seit die Unesco 1995 die Grube in die World Heritage List aufgenommen hat, haben sich die Grabungs- und Forschungsziele gewandelt. Im Vordergrund steht seitdem nicht mehr die „Rettung“ möglichst vieler Großfunde, sondern die Erforschung und Rekonstruktion des ehemaligen Lebensraums und der Entwicklung der außergewöhnlichen Lagerstätte.

          Und dabei kommt es eben auf den Zentimeter an. Denn ein Zentimeter Schiefer bedeutet 100 Jahre Vergangenheit, was hochgerechnet auf eine vier Meter hohe Gesteinsschicht die Zeitspanne von 40000 Jahren ausmacht - in der sich ökologisch viel verändern kann. Je tiefer ein Fund liegt, desto älter ist er, je höher, desto jünger. Die horizontale Verteilung wiederum kann auf sogenannte Frachtsonderungsvorgänge hinweisen, die etwa durch Strömungen verursacht wurden.

          Mit dem GPS-System zum Sensationsfund

          Weil jeder Zentimeter zählt, ist die zentimetergenaue Positionsbestimmung sämtlicher Funde entscheidend. Zum Einsatz kommt deshalb in diesen Wochen in der Grube ein neues GPS-Vermessungssystem. Die Koordinaten jedes Fundes können dank dieses Systems später in eine umfangreiche Datenbank eingegeben werden, aus der die Wissenschaftler auf zeitliche Veränderungen etwa bei Fischsorten schließen können.

          Das Planquadrat H8/9 liegt im „Leithorizont Alpha“. Das ist eine in der Schieferschicht am Boden der Grube Messel klar erkennbare helle Verfärbung, die sich wie eine Schnur horizontal durch das Gestein zieht und als zeitliche Orientierungsmarke dient. Eine Alpha-Zone haben die Wissenschaftler schon vor einigen Jahren wenige hundert Meter entfernt von der derzeitigen Grabungsstelle erforscht. Deshalb bietet sich nun die Möglichkeit, die neu gewonnenen mit den alten Informationen zu vergleichen. Gibt es unterschiedliche Muster der Fundverteilung? Und wenn ja, liegen diese darin begründet, dass unterschiedliche Zeitfenster aufgeschlossen wurden, oder erklären sie sich aus den verschiedenen Lagen im ehemaligen Maarsee-Becken?

          Ein kleiner Insektenfresser für Darmstadts Wissenschaftler

          Für Paläontologen sind das spannende Fragen, für den Messel-Besucher wäre freilich ein kapitaler Urfisch auch was Feines. Immerhin, gleich am ersten Tag hat ein Student im Grabungsteam ein Säugetier entdeckt, beziehungsweise das, was von ihm übrig geblieben ist - Unterkiefer, Wirbelsäule und ein Bein. Um welches Tier es sich handelt? „Wahrscheinlich ein Insektenfresser“, sagt Gwosdek, „nicht größer als 20 Zentimeter, was für eine Art, werden wir durch eine genau Untersuchung der Zähne bald sagen können.“ Ein kleiner Insektenfresser, das ist auch für Darmstadts Wissenschaftler, die die Grube Messel seit fast einem halben Jahrhundert erforschen, noch ein Auftakt nach Maß.

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