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Großkrotzenburg : Kraftwerk Staudinger künftig ohne Block 3

Auch im Zeitalter von Wind- und Sonnenenergie nicht überflüssig: das Kraftwerk Staudinger Bild: Wohlfahrt, Rainer

Auch im Zeitalter der Energiewende wird Staudinger gebraucht. Doch zum Jahresende geht Block 3 außer Betrieb - und was aus dem Ausbau wird, weiß niemand.

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          Ist der Bau eines völlig neuen Kraftwerkblocks, der Millionen verschlingt, tatsächlich auch ein „neues Projekt“ für seinen Bauherrn? Ja, mag der Laie glauben - was denn sonst. Nein, heißt es bei Eon. Als ein Vorstand des Konzerns im August bekräftigte, angesichts des rasanten Ausbaus der erneuerbaren Energien kein „neues Projekt“ mehr bei der konventionellen Stromerzeugung beginnen zu wollen, wurde tags drauf heftig dementiert, dass dies auch als endgültiges Aus für die Verwirklichung des Blocks6 im Kraftwerk Staudinger zu verstehen sei. Dieses sei, so bemühte sich ein Pressesprecher zu erläutern, keineswegs ein „neues Projekt“, weil doch die Planung schon seit Jahren laufe. Es sei also mitnichten abgesagt. Umgekehrt, so fügte der Sprecher hinzu, bedeute das aber natürlich auch nicht, dass nun mit dem Bau begonnen werde.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          So sieht eine Hängepartie aus. Sie dauert im Fall des Blocks 6 nun schon seit nahezu zwei Jahren. Im Dezember 2010 erteilte das Regierungspräsidium Darmstadt die erste Teilbaugenehmigung für das Kohlekraftwerk, im Juni 2011 die zweite. Doch mit großer Gelassenheit wartet man in der Eon-Zentrale in Düsseldorf auf die Entscheidung des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs, der sich mit sieben Klagen von Naturschutzverbänden, Kommunen und Nachbarn befassen muss. Man wolle Rechtssicherheit haben, heißt es bei Eon. Außerdem dürfte man aber auch froh sein, dass sich die Sache zieht. Denn niemand weiß, wie viel Kohlestrom in Deutschland auf Dauer noch benötigt wird. Und wer vermag schon zu sagen, ob die Politik auf Dauer hinter dem Ausbauvorhaben in Großkrotzenburg steht? Im westfälischen Datteln hat Eon bereits ein halbfertiges Kohlekraftwerk stehen.

          Staudinger ist für die Stromerzeugung unverzichtbar

          Der Konzern hat noch viel Zeit, bis es in Sachen Block6 zum Schwur kommt. Für Anfang 2013 sei mit einer mündlichen Verhandlung beim Verwaltungsgerichtshof zu rechnen, sagt eine Sprecherin. Den Zeitpunkt eines Urteils mag sie nicht einmal ungefähr terminieren. Womöglich sei ja noch eine umfangreiche Beweisaufnahme vonnöten. Und auch dann ist an einen Baubeginn noch nicht zu denken. Die dritte Teilbaugenehmigung ist noch nicht einmal beantragt, wie es beim Regierungspräsidium heißt.

          Dabei ist Staudinger für die Stromerzeugung weiter unverzichtbar. Der mit Kohle befeuerte Block 5 produziert seit dem Abschalten der alten Atomkraftwerke im Frühjahr vergangenen Jahres noch mehr Strom als zuvor; nach 2,7 Millionen Megawattstunden 2010 waren es mehr als drei Millionen 2011. Für dieses Jahr gibt Eon bisher 1,7 Millionen Megawattstunden an, doch war der Block von Juni bis August abgeschaltet. Im Vergleich zum Block 5, der Grundlaststrom erzeugt, fallen alle anderen Blöcke weit zurück. Die für die Mittellast bereitstehenden und ebenfalls mit Kohle befeuerten Blöcke 1 und 3 haben in diesem Jahr zusammen erst 1,1 Millionen Megawattstunden produziert, der mit Erdgas betriebene und für die Spitzenlast vorgesehene Block 4 lediglich 180000 Megawattstunden. Block2 ist seit Jahren außer Betrieb.

          Rhein-Main künftig stärker auf Zulieferungen angewiesen

          Gut möglich ist, dass die Stromerzeugung in Großkrotzenburg in den nächsten Jahren immer kleiner wird. Eine Zeitlang schien es, als würden gerade Gaskraftwerke im Zeitalter der Energiewende eine Blütezeit erleben, weil sie rasch angefahren werden können, wenn Wind- und Solarstrom ausbleiben. Das hat sich jedoch nicht bewahrheitet, wie sich an anderen Anlagen zeigt, aber eben auch an der geringen Produktion von Block 4 des Kraftwerks Staudinger. Vielmehr ist die Erzeugung im Vergleich zum Jahr 2010 um etwa ein Drittel gesunken. Die Blöcke 1 und 3 gehen nacheinander vom Netz. Beide hatten eigentlich zum Ende dieses Jahres abgeschaltet werden sollen, weil man einmal angenommen hatte, bis dahin könnten sie durch den neuen Block 6 ersetzt werden. Für Block 1 wurde die Betriebsgenehmigung bis Ende 2016 verlängert, doch für Block 3 läuft sie zum Ende dieses Jahres aus, und Eon beabsichtigt nicht, eine Verlängerung zu beantragen. Von der jedenfalls gegenwärtig geringen Produktion des Erdgas-Blocks abgesehen, dürfte also mittelfristig nur noch Block 5 Strom liefern, sofern nicht doch noch entgegen allen Erwartungen der neue Block gebaut wird.

          Für Rhein-Main bedeutet die geringer werdende Leistungsfähigkeit des Großkraftwerks, dass es noch stärker auf Zulieferungen aus der Ferne angewiesen ist als nach dem Abschalten von Biblis ohnehin schon. Von Energieversorgern ist wieder und wieder zu hören, dass ein schwerer Stromausfall wahrscheinlicher werde. Bisher hat das Politiker nicht aufgeschreckt. In der hessischen Energiepolitik spielt die Zukunft von Staudinger keine Rolle mehr, obwohl auch in den Ministerien das Licht nur leuchtet, weil in Großkrotzenburg Tag für Tag Strom produziert wird.

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