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Großbäckerei Heberer : Die Anleihe zwischen Backwaren geht offenbar gut

Frisches Geld und frische Brötchen: Neuerdings liegen in Filialen der Bäckerei Heberer auch Anleihe-Prospekte aus. Bild: Michael Hauri

Die Mühlheimer Großbäckerei Heberer gibt Wertpapiere in Eigenregie aus - und lockt die Brötchenkunden mit einem jährlichen Zins von sieben Prozent.

          Seit zwei Monaten gibt es in den Filialen der Großbäckerei Heberer mit Sitz in Mühlheim bei Offenbach nicht nur Brötchen, Croissants und Puddingstückchen, sondern auch Wertpapiere. Genauer gesagt, handelt es sich um Anleihen des 120 Jahre alten Familienunternehmens, die dort in einem Prospekt beworben werden.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Eine Verzinsung in Höhe von jährlich sieben Prozent auf fünf Jahre soll es den Kunden schmackhaft machen, nicht nur Backwaren bei Heberer zu kaufen, sondern auch Anleihen zu zeichnen. 20 Prozent des anvisierten Volumens der Anfang August begebenen Anleihe sind bislang gezeichnet worden, wie das Unternehmen gestern wissen ließ. Die Anleihe erfülle damit alle Erwartungen.

          Flughäfen und Bahnhöfe als Standorte im Auge

          Mindestens 1000 Euro muss ein Kunde jeweils investieren. Alles in allem hoffen die Brüder Alexander und Georg Heberer, die das Unternehmen gemeinsam leiten, mit ihrer Inhaber-Schuldverschreibung zwölf Millionen Euro einsammeln zu können. Wie ein Sprecher gestern wissen ließ, soll das Geld teils noch zum Abschluss der Restrukturierung, vor allem aber zur Einrichtung neuer Dependancen genutzt werden. Für die hat die Großbäckerei weiter vor allem Flughäfen, Bahnhöfe und ähnlich stark frequentierte Standorte im Auge. Betrieben werden die Dependancen dann in aller Regel von Franchisenehmern, nicht vom Hause selbst.

          Die Frage, weshalb sich Heberer das Geld nicht bei Banken besorgt und die Anleihe auch nicht an der Börse anbietet, beantwortete der Sprecher des Unternehmens gestern mit dem Hinweis, dass so das Kapital rascher verfügbar sei und die Nebenkosten auf diese Weise so niedrig wie möglich blieben. Fachleute erklären die Tatsache, dass sich gerade Mittelständler aus der Lebensmittelbranche immer öfter mit Hilfe von Anleihen frisches Geld besorgen, mit einer deutlichen Zurückhaltung von Banken bei der Kreditvergabe an den Mittelstand seit der Finanzkrise der Jahre 2008 und 2009.

          Moderner Produktion

          Entsprechend der Strategie, Lagen mit sehr hoher Publikumsfrequenz zu belegen, ist Heberer zurzeit allein am Frankfurter Flughafen mit vier Standorten vertreten. Ein fünfter soll im nächsten Jahr in dem im Bau befindlichen Flugsteig A-Plus hinzukommen, der vom Terminal1 in westlicher Richtung auf rund 800 Meter abzweigt. Die Filialen gliedern sich bislang in zwei Linien, die Wiener Feinbäcker und Erster Wiener. Besonders für Standorte wie Flughäfen ist neuerdings ein neues Premiumkonzept namens Heberer’s Traditional Bakery hinzugekommen. Das klingt nach der guten alten Backstube, hat aber mit der Realität von moderner Produktion in der Großbäckerei nichts zu tun. Und auf die muss auch Heberer zurückgreifen, um die 150 Millionen Stück Backwerk produzieren zu können, die das Haus 2010 an die Filialen ausgeliefert hat.

          „Mit dem Zuschlag durch Fraport und für weitere Standorte bei der Deutschen Bahn können wir unsere führende Marktposition in diesem attraktiven Marktsegment zielgerecht weiter ausbauen“, kommentierte Alexander Heberer gestern die Expansion. Im Rhein-Main-Gebiet zählt das Haus inzwischen 100 Filialen, zuletzt eröffnete eine Dependance in der Hanauer Landstraße 134 in Frankfurt.

          Höherer durchschnittlicher Umsatz der Filialen

          Die Zahl der Filialen, die einst bei mehr als 470 lag und einmal auf 500 anwachsen sollte, wird heute mit 350 angegeben. Dieses Schrumpfen ist das Resultat einer Restrukturierung, der sich das Haus in den Jahren 2009 und 2010 unterziehen musste. Dazu gehörte auch die Schließung einer Backwarenproduktion in Hoyerswerda. Inzwischen hat sich der durchschnittliche Umsatz der Filialen im Monat von 28000 Euro auf knapp 30000 Euro erhöht, wie Heberer auf der Internetplattform für mittelständische Kapitalmarktprodukte der Frankfurter Anleihen Finder GmbH wissen lässt.

          Das operative Ergebnis des Unternehmens stieg den Angaben zufolge in den ersten sechs Monaten 2011 im Vergleich zum ersten Halbjahr 2010 um 30 Prozent von 2,0 Millionen auf 2,6 Millionen Euro. Für das vergangene Jahr hatte Heberer bei einem Umsatz von 115 Millionen Euro einen Gewinn vor Steuern von 500000 Euro ausgewiesen. Für dieses Jahr rechnet das Haus mit einem Plus deutlich über dem von 2010.

          500 Mitarbeiter im Kernunternehmen

          Wie viele Frauen und Männer insgesamt in den Dependancen von Heberer arbeiten, verrät das Unternehmen heute nicht mehr, aus Rücksicht auf Franchisenehmer und deren Verantwortung für das Personal, wie es dort heißt. Bei Heberer selbst sind den Angaben zufolge gut 500 Mitarbeiter, vor allem in Produktion, Verwaltung und Vertrieb, angestellt. Vor Jahren war zuletzt von insgesamt etwa 3000 Beschäftigten inklusive aller Franchise-Filialen die Rede.

          Dass ein Familienunternehmen aus Offenbach die 1.Wiener Feinbäckerei betreiben konnte, ist der Chronik des Hauses zufolge dem Einfallsreichtum des Großvaters zu verdanken. Der hatte sein Handwerk in Wien erlernt und nannte, nach seiner Rückkehr, die väterliche Bäckerei in Offenbach kurzerhand in 1.Wiener Feinbäckerei um.

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