https://www.faz.net/-gzg-94utn

Kreis Groß-Gerau : Aus Waschküchen sollen Wohnungen werden

Sieht Grenzen des Wachstums: Thomas Will (SPD), Landrat des Kreises Groß-Gerau. Bild: Wolfgang Eilmes

Im Kreis Groß-Gerau ist laut Landrat Will kein Platz für eine neue 15.Kommune. Er setzt auf Nachverdichtung und bessere Verkehrswege in der Region, die den Zuzug begrenzen helfen sollen.

          3 Min.

          Thomas Will (SPD), Landrat des Kreises Groß-Gerau, hat noch eine alte Tasse im Schrank. Darauf sind 15 Sterne zu sehen, was den Becher als Fehldruck ausweist, weil es tatsächlich nur 14 Städte und Gemeinden in dem Landkreis gibt, dessen Bevölkerung binnen knapp 15Jahren von 250000 auf 275000 Personen gewachsen ist. Laut Prognose wird es keine zehn Jahre mehr dauern, bis man die 300000er-Marke erreicht. Deshalb eine 15.Kommune zu gründen, hält Will allerdings für unangebracht bis unmöglich. Im Norden stehe dem der Flughafen entgegen, der in den Nachbargemeinden Kelsterbach, Raunheim und Mörfelden-Walldorf jetzt schon weiteres Wachstum behindere, wenn nicht gar verhindere. Und an der Rheinfront verbiete der Naturschutz vielerorts die Ausweisung neuer Wohngebiete.

          Markus Schug

          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Das lasse im ganzen Kreisgebiet die Immobilienpreise steigen, sagt Will, der von rund 300Euro je Quadratmeter Bauland in Bischofsheim zu berichten weiß; und damit habe man sicher noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht. Der Siedlungsdruck sei anhaltend stark, sagte der Landrat im Gespräch mit dieser Zeitung: „Jeder will hierher!“

          Nachverdichtung für mehr Wohnraum

          Was Kreis und Kommunen vor große Herausforderungen stelle, wenn es etwa darum gehe, eine gute Schulversorgung zu garantieren. Allein bis 2022 wird mit 1200 zusätzlichen Grundschülern gerechnet. 2018 sollen Will zufolge rund 44Millionen Euro in Um- und Neubau sowie Modernisierung von Schulgebäuden fließen. Wenn es gilt, Wohnraum zu schaffen, sieht der 58 Jahre alte Chef des Landratsamts die besten Chancen in einer verträglichen Nachverdichtung. Bei der Umgestaltung auf privaten Grundstücken in den Stadt- und Ortskernen müssten aber die Eigentümer mitziehen, damit aus alten Waschküchen und anderen Nebengebäuden moderne Wohnungen würden.

          Wills Parteigenosse Thomas Jühe, der gerade eindrucksvoll wiedergewählte Bürgermeister von Raunheim, hat vor kurzem angekündigt, die Einwohnerzahl der in Flughafennähe gelegenen Stadt mittelfristig möglichst um zirka 2000 auf rund 150000 Bürger zurückzufahren. Weil andernfalls die Infrastruktur der Kommune – ob Kanalisation, Straßen oder Kindergartenplätze – früher oder später an ihre Grenzen stoße. Ganz so drastisch mag sich der Landrat zwar nicht äußern. Gleichwohl sieht auch er Grenzen des Wachstums und empfiehlt, über Verbesserungen der Verkehrswege – vor allem Straßen und Schienen – nachzudenken, damit Menschen zum Beispiel aus dem Odenwald gar nicht erst näher an das Rhein-Main-Gebiet heranziehen müssten.

          Kreisklinik eine „Geldvernichtungsmaschine“

          Ein wichtiges, aber umstrittenes Infrastrukturprojekt ist der im Mai beschlossene Erhalt des Kreiskrankenhauses in Groß-Gerau, das entgegen der damaligen Ankündigung auch 2017 wieder ein Defizit von deutlich mehr als drei Millionen Euro erwirtschaften wird. Bei der Kreisklinik, an der seit zehn Jahren „herumgedoktert“ werde, handle es sich „längst nicht mehr nur um ein Groschengrab, sondern um eine Geldvernichtungsmaschine“, befand der Vorsitzende der CDU-Fraktion, Mario Bach, in der Kreistagssitzung zu Beginn der Woche. Gleichwohl stimmten am Ende selbst einige Unionspolitiker dafür, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen, um den Menschen in Südhessen eine wohnortnahe ärztliche Versorgung zu garantieren.

          Zuvor waren alle Versuche gescheitert, das seit defizitär arbeitende Krankenhaus mit Hilfe externer Partner weiterzuführen. Will bat im Kreistag abermals um mehr Geduld, weil die Neustrukturierung des Hauses, das letztlich für rund acht Millionen Euro umgebaut werde, nicht so schnell den gewünschten wirtschaftlichen Ertrag bringe. Dennoch sei das von Geschäftsführer Reinhold Linn seit gut einem Jahr verfolgte Konzept für eine stationäre und ambulante medizinische Versorgung am Standort Groß-Gerau für Bürger und Beschäftigte die beste Lösung.

          Bei der Verabschiedung des Kreishaushalts 2018 zeigten sich CDU und FDP von den vorgelegten Zahlen ebenfalls nicht wirklich überzeugt. Allerdings reichten in diesem Fall die Stimmen der von SPD, Grünen und Linken gebildeten Koalition, um den Etat mit einem Gesamtvolumen von mehr als 370 Millionen Euro zu beschließen.

          Dass der Kreis im nächsten Jahr keine weiteren Schulden, sondern ein Plus von einer halben Million Euro machen soll, wurde allgemein gutgeheißen. Angesicht einer insgesamt aber immer noch angespannten Finanzlage mit einem Schuldenstand von 216 Millionen Euro und Kassenkrediten von bis zu 300 Millionen Euro musste sich der Landrat jedoch abermals viel Kritik gefallen lassen. Wenn es gelinge, den Haushalt zu konsolidieren und ein weiteres Jahr ohne Fehlbetrag auszukommen, könne man den mit etlichen Beschränkungen verbundenen Schutzschirm des Landes wieder verlassen, sagte Will. Wie fast alle Kreistagspolitiker erhofft auch er sich zudem baldige Hilfe durch das vom Land in Aussicht gestellte Entschuldungsprogramm „Hessenkasse“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Franziska Giffey: Möchte die Berliner mit dem Thema Innere Sicherheit überzeugen.

          Parteitag der Berliner SPD : Giffey will es wissen

          Auf dem ersten hybriden Parteitag der Berliner SPD wirbt die Bundesfamilienministerin für ihre Führungsrolle in der Hauptstadt. Zu ihrer Doktorarbeit sagt sie nichts. Nun kommt es darauf an, wie stark ihre Partei sie machen will.
          Ein AfD-Mitglied beim Landesparteitag der AfD Rheinland-Pfalz am vergangenen Wochenende

          Vor dem Parteitag : Die AfD trifft sich im Wunderland

          Rund 600 Delegierte wollen auf dem Gelände des einstigen Kernkraftwerks in Kalkar über ein Rentenkonzept debattieren – unter strikter Einhaltung der Maskenpflicht, sonst droht ein Abbruch.
          Torreiche Partie: Wolfsburg besiegt Bremen.

          5:3-Sieg gegen Bremen : Wolfsburg gewinnt packendes Nordduell

          Das Spiel zwischen Wolfsburg und Bremen entwickelt sich schnell zu einer turbulenten Partie. Beide Mannschaften liefern sich einen sehenswerten Schlagabtausch. Am Ende freuen sich die Wölfe über einen verdienten Jubiläumserfolg.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.