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Groß-Gerau : Iranische Familie findet Asyl in der Kirche

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Schutz in der Kirche: Volker Jung (Mitte) von der Evangelischen Kirche unterhält mit der iranischen Familie, die Kirchenasyl bekommt. Bild: dpa

Weil einer Flüchtlingsfamilie aus dem Iran die Abschiebung drohte, kümmerte sich eine Gemeinde in Groß-Gerau um sie - und gewährte Kirchenasyl. Die mittelalterliche Tradition verändert noch heute Leben.

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          In manchen Ländern der Welt können ein paar Einträge beim sozialen Netzwerk Facebook Existenzen bedrohen. Amir, der in der iranischen Hauptstadt Teheran als Manager in einem großen Software-Unternehmen gearbeitet hatte, musste das erfahren. Er äußerte sich kritisch gegen das Regime und war danach gezwungen, mitsamt seiner Frau und seinem kleinen Sohn das Land zu verlassen. Im Iran gebe es keine Freiheit, sagt er.

          Die Familie bekam ein Visum für die EU bei der italienischen Botschaft in Teheran und flog nach Frankfurt, wo Verwandte wohnen. Sie stellte Asyl-Antrag und wurde Groß-Gerau zugewiesen. Doch dann drohte die Abschiebung nach Italien, das die Visa ausgestellt hatte - von dort kamen Berichte über katastrophale Zustände bei der Unterbringung von Flüchtlingen.

          Stolz auf Einsatz in der Gemeinde

          Amir und seine Familie suchten Schutz in der Kirche. Seit September leben sie nun in einem kleinen, umgestalteten Gruppenraum in der evangelischen Kirchengemeinde Groß-Gerau Süd - Kirchenasyl in einem beschaulichen Wohngebiet.

          „Wir haben nicht damit gerechnet, dass es so schnell ernst wird“, sagt Pfarrer Jürgen Fuge. Zwischen der Zustimmung seines Kirchenvorstands und dem Einzug der Familie lag gerade ein Wochenende. Fuge ist stolz auf das Engagement seiner Gemeinde. Die Flüchtlinge konnten das Gelände nicht verlassen, ihnen drohte die Verhaftung. Fuge, seine Frau und Helfer erledigten Einkäufe und kümmerten sich um die Familie. Amirs kleiner Sohn fand einen Platz im Kindergarten der Gemeinde. „Ich habe ganz, ganz wenig Skepsis erlebt“, sagt Fuge, der die Not von Flüchtlingen kennt - er war Seelsorger in der Abschiebehaft.

          „Hochbelastend für alle Beteiligten“

          Mehr als Amirs Vorname soll von der Familie nicht bekannt sein. Ihre vollständigen Namen, ihr Alter - wenn diese Informationen an die Öffentlichkeit kämen, gerieten nicht nur sie selbst in Gefahr. Auch ihre Verwandten im Iran könnten von der Obrigkeit bedroht werden.

          „Das ist eine hochbelastende Situation für alle Beteiligten“, sagte der Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Volker Jung, der die Flüchtlinge am Freitag besuchte. Die Familie sei in ihrer Freiheit eingeschränkt, die Gemeinde müsse sich um sie kümmern. Doch Bedürftige aufzunehmen sei Teil des christlichen Selbstverständnisses.

          Keinesfalls wolle die Kirche damit geltendes Recht umgehen - es gehe nur um eine Pause, in der alle Aspekte einer Flucht noch einmal geprüft werden sollten, sagte Jung. In Amirs Fall hatte das Erfolg. Vor einigen Wochen haben sich doch die deutschen Behörden für zuständig erklärt. Die Familie kann bald in eine eigene Wohnung ziehen, ganz in der Nähe der Kirchengemeinde. Denn dort sei mehr als Nachbarschaft entstanden, sagen die Helfer - es seien Freundschaften geworden.

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