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Grippewelle in Hessen : Nach dem „Dschungelcamp“ liegen alle flach

  • -Aktualisiert am

Voll besetzt: In den Wartezimmern der Ärzte müssen die Patienten derzeit viel Geduld haben. Bild: Ullstein

Die Hessen leiden unter der Grippewelle, war doch 2014 ein mildes Grippe-Jahr. Lange Wartezeiten in Arztpraxen sind die Folge. Das Problem: Auch Patienten, die geimpft worden sind, kann wohl die Grippe treffen.

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          Das Land fiebert. Fast jeder Hesse kann zurzeit von Familienmitgliedern, Freunden und Kollegen berichten, die mit grippalem Infekt im Bett liegen. An manchen Schulen der Rhein-Main-Region sind die Klassenzimmer noch nicht einmal mehr halb voll, und auch in den Betrieben fehlen Mitarbeiter. Die Erkrankten fallen nicht nur ein paar Tage, sondern meist für längere Zeit aus. Wer zum Arzt geht, muss sich auf Wartezeiten einstellen. Selbst die Terminvereinbarung kostet mehr Zeit, da die Telefonleitungen der Arztpraxen wegen der vielen Anfragen überlastet sind.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Besonders groß ist der Ansturm bei den Kinderärzten. In einer Gemeinschaftspraxis in Bad Homburg haben die Ärzte die Akutsprechstunden verlängert, weil seit zwei Wochen täglich mehr als 100 Patienten kamen. Als dann noch eine Ärztin erkrankt sei, habe man bis 19 Uhr abends Patienten behandelt, berichtet Kinderarzt Christian Walter. Die meisten jungen Patienten hätten typische Grippesymptome gezeigt: plötzliches hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Schwäche und starker Husten. Es habe sich meist um einen viralen Infekt gehandelt.

          Bereits 1000 Meldungen 2015 in Bayern

          Seit dem 1. Januar seien beim Gesundheitsamt in Frankfurt insgesamt 66 Fälle von „richtiger Grippe“ gemeldet worden, berichtet der Infektiologe Antoni Walczok. Seit zwei Wochen stiegen die Meldungen, der Höhepunkt sei aber vermutlich noch nicht erreicht. In der vergangenen Saison seien es insgesamt nur 52 Meldungen gewesen, 2013 dagegen 280. Derzeit treffe die Grippe auch Patienten, die geimpft worden seien, weil sich das Grippevirus nach der Festlegung des Impfstoffs noch verändert habe. Trotzdem empfiehlt Walczok die Impfung auch jetzt noch. Allerdings setze der Schutz erst in zwei Wochen ein. Eine Grippewelle dauere jedoch durchschnittlich acht Wochen, heißt es beim Robert-Koch-Institut, das bundesweit Infektionskrankheiten überwacht. Nach Angaben des Instituts sind in Hessen in der vergangenen Woche mit 250 doppelt so viele Grippefälle gemeldet worden wie in der Vorwoche. Schlimmer erwischt hat es die Bürger in den südlichen Nachbarländern Baden-Württemberg und Bayern, wo 500 beziehungsweise 1000 Meldungen eingingen.

          Beim Allgemeinmediziner Florian Düvel in Frankfurt-Sossenheim haben allein am vergangenen Montag 130 Patienten Rat gesucht. Erstmals seien weniger als 100 Patienten gekommen, berichtet der Hausarzt. Fast alle hätten einen schweren Infekt mit Fieber gehabt, nur ein Fünftel eine leichtere Erkältung. Schwer erwischt habe es diesmal selbst jene, die er gegen Grippe geimpft habe, sagt Düvel. Viele hätten zunächst über Beschwerden im Magen-Darm-Trakt geklagt, dann über hartnäckigen Husten. Die Symptome erinnerten ihn an die der Schweinegrippe.

          „Dschungelcamp“ koste Schlaf

          Die meisten Patienten hätten sich bei Kindern angesteckt, sagt der Arzt. Kitas und Schulen seien immer „Impulsgeber“ für Krankheitswellen, doch diesmal sei eine „enorme Wucht“ von ihnen ausgegangen. Düvel hat eine Vermutung, woran dies liegen könnte: am „Dschungelcamp“, das der Fernsehsender RTL zwei Wochen lang jeweils am späten Abend ausgestrahlt hat. Viele Kinder und Jugendliche hätten die Sendungen gesehen und dadurch zu wenig geschlafen. Das habe sie anfälliger für Infekte gemacht. Der 54 Jahre alte Arzt weiß, wovon er spricht: Auch seine vier Kinder mussten das Bett hüten. Den Betroffenen empfiehlt er, Ruhe zu halten und viel zu schlafen. „Schlaf ist auch die beste Prophylaxe.“ Das Auskurieren brauche Zeit, unter einer Woche seien die wenigsten Patienten wieder fit.

          Nicht nur in den Praxen, sondern auch bei den Notdiensten ist die Grippewelle zu spüren. Vergangene Woche seien die Anrufe in der Dispositionszentrale des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes um etwa zehn Prozent, sprich 1500, gestiegen, berichtet Teamleiter Jan Riehle. Da auch einige seiner Mitarbeiter erkrankt seien, habe er das Personal nicht aufstocken können. In den Spitzenzeiten von 8 bis 13 Uhr am Wochenende müssten die Anrufer sogar in Warteschleifen geleitet werden.

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