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Tempolimit vor 25 Jahren : Als Hessen Ozonalarm schlug

Tempo runter: Schon am Abend des 16. Juli 1994 wurden Spannbänder ausgerollt - etwa am Frankfurter Kreuz. Bild: Wolfgang Eilmes

Vor 25 Jahren waren die Ozonwerte viel zu hoch. Hessen ordnete Tempolimits an. Inzwischen ist das Problem kleiner geworden – und doch noch aktuell.

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          Das hatte es noch nicht gegeben. Die rot-grüne Landesregierung rief am 26. Juli 1994, heute vor 25 Jahren, Ozonalarm aus – den ersten in ganz Deutschland. Um 17.30 Uhr wurde die Entscheidung in Wiesbaden gefällt, nachdem eine halbe Stunde zuvor bei elf der 33 Messstationen im Bundesland die Grenzwerte von 240 Mikrogramm je Kubikmeter Luft erreicht oder überschritten worden waren.

          Die höchste Konzentration, 307 Mikrogramm, meldete an jenem heißen Sommertag die Station in Frankfurt-Bockenheim. Aufgrund des Ozonalarms verhängte die Landesregierung unter Ministerpräsident Hans Eichel (SPD) mit sofortiger Wirkung landesweite Tempolimits. Umweltstaatssekretär Rainer Baake (Die Grünen) sagte, er wolle, anders als die schwarz-gelbe Bundesregierung in Bonn, nicht mehr länger „tatenlos zusehen“, sondern handeln.

          Nur 90 km/h auf Autobahnen

          Das Vorgehen war entsprechend umstritten. Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) raunte, in Wiesbaden werde „Symbolpolitik“ betrieben. Auch die Landesregierung soll sich nicht sofort einig gewesen sein, ob sie den Ozonalarm wirklich ausrufen wolle. Grundlage für diesen war eine hessische Verordnung aus dem Jahr zuvor. Diese sah Konsequenzen vor, sobald an mindestens drei 50 Kilometer voneinander entfernten Stationen mehr als 240 Mikrogramm gemessen werden. Tatsächlich war diese Voraussetzung an jenem Dienstagnachmittag nicht erfüllt. Die Landesregierung entschied sich kurzerhand dennoch, die Verordnung anzuwenden, mit der Begründung, der Grenzwert werde künftig nur 215 Mikrogramm betragen.

          Große Teile der Bevölkerung erfuhren noch am Abend in den Verkehrsnachrichten vom Ozonalarm und den Tempolimits. Auf den Autobahnbrücken wurden Spannbänder angebracht, Polizeibeamte rückten aus, um Autofahrer zu kontrollieren. Nur 90 Kilometer in der Stunde waren jetzt noch auf Autobahnen erlaubt, 80 auf den Landstraßen. Erstaunlicherweise hielten sich schon einen Tag, nachdem der Ozonalarm ausgerufen worden war, 80 Prozent der Verkehrsteilnehmer an die Geschwindigkeitsbeschränkungen, wie Stichproben der Polizei ergaben. Später sollen es sogar 90 Prozent gewesen sein.

          Die Zeitungen, vor allem aber das Radio informierten umfassend über die außergewöhnliche Situation. Der Privatsender FFH verlas in seinen Verkehrsnachrichten sogar Hinweise auf Englisch und Niederländisch. Das war sehr hilfreich, denn viele Ausländer verstanden nicht, was in Hessen plötzlich vor sich ging, waren sie sonst doch eine eher liberale Verkehrspolitik der Deutschen gewohnt. So hielten Beamte, wie diese Zeitung damals berichtete, etwa einen Franzosen fest, der mit Tempo 180 an den langsamen Deutschen vorbeigerauscht war. Mit Händen und Füßen, hieß es, hätten sie ihm klarzumachen versucht, warum nun neue Regeln galten.

          Sechs Mal Ozonalarm

          Insgesamt blieb es auf den Straßen eher ruhig. Eltern jedoch waren in Sorge um ihre Kinder. Viele von ihnen riefen das vom Umweltministerium eingerichtete Bürgertelefon an, um zu fragen, ob sie ihre Kleinen noch guten Gewissens draußen spielen lassen könnten. Als Antwort bekamen sie zu hören, dass Kinder vormittags besser zu Hause bleiben sollten. Schulen sollten ihren Sportunterricht in Hallen verlegen. Im Videotext konnte sich die Bevölkerung live über die Ozonwerte der 33 Messstationen informieren. Auch andere Bundesländer diskutierten über einen Ozonalarm nach hessischem Vorbild. Der baden-württembergische Naturschutzbund forderte etwa, autofreie Sonntage einzuführen und ein Formel-1-Rennen in Hockenheim abzusagen.

          Sechs Mal rief die Hessische Landesregierung den Ozonalarm in den Jahren 1994 und 1995 aus, hob ihn jedoch jedes Mal schnell wieder auf, da sich die Wettersituation verbessert hatte. Die Verordnungen der Bundesländer, auf deren Grundlage der Alarm in Hessen ausgelöst worden war, wurden 1995 durch ein bundesweites Ozongesetz abgelöst, das 1998 sogar Fahrverbote nach sich zog. Schon ein Jahr später wurde das Gesetz wiederaufgehoben.

          Kurzfristige Maßnahmen, heißt es heute aus dem von den Grünen geführten hessischen Umweltministerium, seien wirkungslos gewesen. Auch die Fahrverbote. Tatsächlich aber ist das Problem kleiner geworden. Vielversprechender als die Tempolimits in den neunziger Jahren war es, die bodennahe Ozonbelastung langfristig zu reduzieren, wie das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie mitteilte. Dies gelang, indem die Emissionen der Stoffe gemindert wurden, aus denen sich Ozon bildet, also Stickoxide und Kohlenwasserstoffe. Demnach ist die Zahl der Spitzenwerte seither deutlich zurückgegangen, das mittlere Niveau der Ozonbelastung jedoch nach wie vor sehr hoch. Ausruhen könne man sich auf dem Erfolg also nicht, heißt es. Ozon in bodennaher Atmosphäre wirkt, anders als jenes in der Stratosphäre, als Reiz- oder Schadgas und greift vor allem den unteren Bereich des Atemtrakts sowie die Schleimhäute der Augen und den oberen Atemtrakt an.

          Mittlerweile greift bei zu hohen Ozonwerten die 39. Bundesimmissionsverordnung. Einen Grenzwert sieht sie nicht mehr vor, nur Richtwerte. Zum einen wäre da die „Informationsschwelle“ von 180 Mikrogramm, die sich auf den Mittelwert einer Stunde an einem Messort bezieht. Wird diese Schwelle erreicht, besteht nach Definition ein Risiko für die Gesundheit besonders empfindlicher Menschen. Wird an einer Station innerhalb einer Stunde ein Mittelwert von 240 Mikrogramm gemessen, ist die „Alarmschwelle“ erreicht. Von diesem Moment an besteht ein Risiko für die Gesundheit der Gesamtbevölkerung.

          Momentan steigen die Werte wegen der intensiven Sonnenstrahlung wieder. Laut Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie wurde die Alarmschwelle in Hessen zum bisher letzten Mal am 26. Juni in Limburg und Riedstadt geknackt. Auch in diesen Tagen könnte sie wieder überschritten werden. Doch Tempolimits drohen heute nicht mehr.

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