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Gregor Gysi und die DDR : Statt „Juden“ sagten sie „Zionisten“

Zentraler Gründungsmythos: Gregor Gysi spricht über den Antisemitismus in der DDR. Bild: dpa

Wie antisemitisch war die Deutsche Demokratische Republik? Der frühere Fraktionsvorsitzende der Linken, Gregor Gysi, spricht über seine ganz persönlichen Erfahrungen.

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          Als 1967 im Nahen Osten der Sechstagekrieg zwischen Israel und den arabischen Staaten Ägypten, Syrien und Jordanien ausbricht, stellt sich Gregor Gysi eine Frage, auf die er nie eine Antwort bekommen wird. In der DDR lebende Juden werden vom Zentralkomitee (ZK) der SED angerufen und aufgefordert, eine Resolution gegen Israel zu unterschreiben.

          Manche tun es, andere nicht. Gysi, 19 Jahre alt, stellt seinem Vater, damals Kulturminister der DDR, die Frage woher das ZK die Namen der angerufenen Juden habe. Gebe es etwa Listen? Die Gesichtszüge seines Vaters seien daraufhin entgleist. „Meinen Vater störte diese Frage. Weil er sie sich vorher nie gestellt hatte. Er war einfach nicht darauf gekommen.“

          „Schleichgang machte die Dinge ungeheuer kompliziert“

          Bis zu diesem Punkt habe er nichts von Antisemitismus in der DDR gespürt, sagte Gysi am vergangenen Montag während eines vom Jüdischen Museum ausgerichteten Gesprächsabends über „Juden in der DDR“ in der Evangelischen Akademie Frankfurt. Auf Fragen von F.A.Z.-Herausgeber Werner D’Inka sagte Gysi, von 1989 bis 1993 letzter Vorsitzender der SED/PDS, obgleich der Antifaschismus zentraler Gründungsmythos der DDR gewesen sei, existierten im östlichen Nachkriegsdeutschland durchaus antisemitische Ressentiments, die unter dem Deckmantel des „Antizionismus“ verborgen worden seien.

          Dabei spielte laut Gysi auch die internationale Politik eine Rolle. Irak war das erste nicht-sozialistische Land, das die DDR völkerrechtlich anerkannte, andere arabische Staaten folgten. Aus einer Art Dankbarkeit habe sich die DDR deswegen gegen Israel gestellt. Um dennoch zu vermeiden, als antisemitisch zu gelten, habe man die SED versucht, sich mit Begrifflichkeiten zu retten: „Die Regel war zu sagen, dass man antizionistisch ist und dass Israel der imperialistische Vorposten Amerikas im Nahen Osten ist“, sagte Gysi. „Dieser Schleichgang machte die Dinge ungeheuer kompliziert: denn man wollte aufgrund der Nazivergangenheit nicht antijüdisch wirken.“

          Zu wenige Anwälte

          Kompliziert sei Gysi zufolge zudem gewesen, dass es in der DDR gerade einmal 600 Rechtsanwälte gegeben habe – davon lediglich 300 spezialisiert auf Strafrecht. „Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verletzung des Kriegsrechts, Ahndung von Naziverbrechen – in dem Sinne gab es in der DDR keine Rechtsamkeit“, sagte Gysi, der von 2005 bis 2015 Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag war. Hakenkreuz-Schmierereien und aktenkundige offen antisemitische Äußerungen von Mitgliedern der SED-Jugendorganisation FDJ, auf die D’Inka ansprach, seien bewusst nur mild bestraft worden: „Die DDR wollte diese Dinge strafrechtlich nicht verfolgen, denn dann hätte man einräumen müssen, dass es auch hier eine Neonazi-Szene und Antisemitismus gibt“, kommentierte Gysi.

          Gysi beließ es nicht beim Blick auf die Vergangenheit: Die historisch gewachsene Verantwortung gegenüber Israel bestehe auch gegenüber Palästina. „Ich würde mich darüber freuen, ein sicheres Israel und ein sicheres Palästina noch zu erleben. Dass ich das miterlebe, wage ich allerdings zu bezweifeln“, sagte er.

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