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Graphische Sammlung in Darmstadt : Fehlt nur noch ein Blatt von Delacroix

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Auch in einem geschlossenen Museum gibt es Glücksmomente: Die Graphische Sammlung in Darmstadt hat 900 Neuzugänge.

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          Mächtig ist die Antike. Einfach und bescheiden, doch im Einklang mit sich selbst ist das ländliche Leben. So muss man eine Rötelzeichnung aus dem 18. Jahrhundert verstehen, die man dem Franzosen Hubert Robert zuschreibt. Am rechten Bildrand posieren zwei Engelswesen hinter einem klassischen Säulenfragment und ragen fast so hoch empor wie die dunklen dichten Bäume im Hintergrund. Winzig nehmen sich dagegen die Wäscherinnen aus, die am Fuße des Monuments ihre Arbeit verrichten. Auch eine hölzerne Kate in der linken Bildhälfte wirkt gegenüber der steinernen Erhabenheit nur umso wackliger. Trotz dieser phantastischen Größenverhältnisse ist das Bild mit leichtem Strich und Gespür für pastorale Stimmung gezeichnet. Die Abstufungen des roten Farbtons sind so fein und vielfältig, dass man förmlich hört, wie der Wind das Laub bewegt.

          Neben der künstlerischen Qualität und dem makellosen Erhaltungszustand wird das mit 42 mal 56,5 Zentimetern vergleichsweise große „Bauernhaus zwischen antiken Ruinen“ auch durch seine Geschichte zu einer Perle. Das Blatt kehrte 2007 in die Graphische Sammlung des Landesmuseums Darmstadt zurück. Lange hatte man dort lediglich ein Faksimile des Motivs besessen. Der Vermerk „verkauft 1933-1935“ auf dem Passepartout der Kopie kündete davon, dass einst auch das Original zum Besitz gehörte. Dokumentiert worden war der Verkauf ansonsten nicht. Umso glücklicher waren Haas und ihre fünf Kollegen, mit denen sie die Sammlung betreut, als Roberts Zeichnung 2008 bei Christie’s in einer Auktion wiederauftauchte. Zunächst wurden sie allerdings enttäuscht. Denn den Zuschlag erhielt ein für die Möglichkeiten eines Landesmuseums viel zu reicher amerikanischer Privatmann.

          Ein Krimi mit einem glücklichen Ende

          Dass der Krimi, von dem Haas spricht, dann doch noch ein glückliches Ende nahm, hat mit der übergroßen Verehrung des Amerikaners für Roberts Kunst und der nicht hundertprozentig lupenreinen Zuschreibung des Blattes zu tun. Weil für Zweifler auch Jean-Honoré Fragonard als Schöpfer in Frage kommt, gab er das Blatt wieder zurück an Christie’s. Dort erinnerte man sich dann an die Darmstädter Begehrlichkeiten und bot es dem Museum „zu einem sehr moderaten“, von Haas freilich nicht näher bezifferten Preis an. Jetzt kann sie auch die Inventarnummer 2540 zweifelsfrei zuordnen. Weil die Bestandsverzeichnisse im Zweiten Weltkrieg zerstört worden waren und sich danach nicht lückenlos hatten rekonstruieren lassen, war diese Zeile bislang weiß geblieben. Nachdem die Ziffer aber auf dem Passepartout der Zeichnung steht, kann man diese Leerstelle jetzt füllen.

          In seinem golden schimmernden Empire-Rahmen hat das Bild in den dreißiger Jahren das Museum vermutlich auch schon verlassen. Jetzt gehört es zu den kostbarsten der insgesamt 900 Neuzugänge, die seit der sanierungsbedingten Schließung des Hauses im Jahr 2007 in die Darmstädter Graphische Sammlung kamen. Knapp 90 davon fasst ein kleiner Katalog zusammen, der dokumentiert, dass auch in einem geschlossenen Museum viel passieren kann.

          Ein seltener Glücksmoment

          Roberts Zeichnung ergänzt dort den reichen Bestand an französischen Graphik des 16., 17. und 18. Jahrhunderts. Weil sich die Darmstädter Sammlungstätigkeit im 19. Jahrhundert auf süddeutsche Künstler konzentrierte, ist diese Zeit weniger gut repräsentiert. Es fehlt zum Beispiel eine Arbeit von Delacroix, „der hier wunderbar passen würde“, wie Mechthild Haas bedauert und deswegen versucht, mit dem 20. Jahrhundert wieder an den Frankreich-Kontext anzuknüpfen. Dazu dient unter anderem ein Selbstporträt von François Rouan aus dem Jahr 2004, für das der Künstler sein eigenes Augenpaar mit Tusche in rasterartiger Reihung auf eine Hälfte eines Papierbogens gezeichnet und das Motiv dann wie einen Rorschach-Test gespiegelt hat. Mit seiner armenischen Herkunft und den christlichen Spuren, die seine Ahnen hinterlassen haben, setzt sich unterdessen der Konzeptkünstler Sarkis auseinander. Sechs ebenfalls 2004 entstandene Blätter zeigen Grundrisse alter Klosteranlagen. Zu Papier gebracht hat sie der Künstler mit roten Daumenabdrücken, was die Vorstellung von dicken Mauern brüchig werden lässt.

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