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Graffiti-Szene : Die etwas andere Kunst im öffentlichen Raum

  • -Aktualisiert am

Graffitis wie dieses der Projektgruppe "Kind in Nied" sind legal - und ziehen Zuschauer an. Bild: Hoang Le, Kien

In der Graffiti-Szene ist er seit 20 Jahren als Cor bekannt. Dank seines Talents ist er der Illegalität längst entronnen.

          Für einige Minuten steht Justus Becker einfach so da und schaut sie an. Ihre blauen Augen strahlen Ruhe aus. Eine schwarze Strähne fällt ihr lasziv ins Gesicht. Mit ihrem Schmollmund scheint die junge Frau ihm etwas zuflüstern zu wollen. Becker nickt kurz, dann dreht er sich um und nimmt die Atemschutzmaske ab. „Bin zufrieden.“ Drei Tage lang hat der 34 Jahre alte Graffiti-Künstler an diesem Werk in der Unterführung an der S-Bahn-Station Nied gearbeitet. Die Idee, die vormals beschmierte Passage mit Graffiti zu verschönern, hatten der Präventionsrat und das Jugendhaus Nied. Ein Anruf bei Becker genügte, um auch ihn von der legalen Aktion zu überzeugen.

          In Frankfurt hat sich der gebürtige Hamburger mit seiner Kunst inzwischen einen Namen gemacht. Seine Werke, in denen er fotorealistische Elemente mit Comichaftem verbindet, kommen besonders bei Jugendlichen an. „Wenn ich den Kids mit Airbrush etwas auf ihre T-Shirts sprühe, rasten die völlig aus“, sagt er. Solcherlei Aktionen macht Becker, der als Grafikdesigner in einem Studio in Offenbach arbeitet, gerne und gratis. Es geht ihm dabei auch darum, Graffiti von einer anderen, seiner legalen Seite zu zeigen. „Graffiti sind nicht nur die hingeschmierten Buchstaben, die an jeder Ecke zu sehen sind“, sagt er. Dann zieht er ein Mobiltelefon aus der Tasche und tippt auf das Display. Eine Frau erscheint, ihr Gesicht ist mit roter und schwarzer Farbe verziert, mit ihren dunklen Augen, die sie zu einem erwartungsvollen Blick aufsetzt, sieht sie aus wie ein Profi-Model. „Vor diesem Stück Kunst“, sagt Becker, „haben sich in Frankfurt schon Hunderte Passanten fotografieren lassen.“ Das etwa drei auf drei Meter messende Graffito hat er selbst auf einen Pfeiler an der Friedensbrücke gesprüht - ebenfalls legal.

          Das Misstrauen der Politiker ist immer noch groß

          Lange hat sich Becker bei der Stadt dafür eingesetzt, dass talentierte Sprayer einen Platz bekommen, an dem sie ihre Porträts und Schriftzüge hinterlassen dürfen. Ein Jahr verhandelte Becker mit den Verantwortlichen, ehe sie Anfang dieses Jahres die Friedensbrücke zur Nutzung freigaben. Das Misstrauen gegenüber Graffiti sei in der Politik nach wie vor groß, sagt Becker. Umso mehr freut er sich darüber, dass er im März am nördlichen Mainufer der Brücke eine Graffiti-Galerie eröffnen konnte, wie es sie in Frankfurt noch nicht gegeben hat. Auf vier Pfeilern und einer Malfläche von 400 Quadratmetern haben sich neben ihm noch zahlreiche andere renommierte Künstler verewigt. Einige von ihnen sind eigens aus Südafrika, den Vereinigten Staaten und Brasilien angereist. Jedes Bild bleibt etwa einen Monat, dann wird es durch ein neues Kunstwerk ersetzt. Als Initiator des Pilotprojekts legt Becker besonderen Wert darauf, dass dort ausschließlich Profis ans Werk gehen. „Legale Flächen sollen denen zugutekommen, die wirklich Talent haben“, sagt Becker. „Wir setzen uns bestimmt nicht für Zwölfjährige ein, die nur herumkritzeln oder randalieren wollen.“

          Becker hat sich und seine Ansichten geändert. Im Alter von zehn Jahren hat er mit dem Sprühen angefangen. Damals zog er noch bei Nacht durch den Vorort von Bad Vilbel, wo er auch heute lebt, und hinterließ unerlaubt seine Spuren. Dreimal ist er erwischt worden: mit 13, 18 und dann noch einmal mit 25 Jahren. Schon damals habe er Wert auf Qualität gelegt, habe ruhige Orte gesucht, an denen er seine Comics und Porträts hinterließ. Nachdem er das erste Mal auf frischer Tat ertappt wurde, prophezeite der Chef der Soko Graffiti seiner Mutter: Ihr Sohn ist zu gut, er wird nie wieder aufhören zu sprühen. Er behielt recht. Dank seines Talents, sagt Becker, sei er aus der Illegalität herausgekommen. Sprayer, die etwa nur Buchstaben malen könnten, blieben der verbotenen Schmiererei oft verbunden - denn zur professionellen Malerei reichten ihre Fähigkeiten nicht aus. Becker hingegen, der Illustration studiert und früh ein gutes Auge für das figürliche Malen entwickelt hat, konnte sein Hobby zum Beruf machen. Vor sieben Jahren gründete er ein Designstudio, seitdem illustriert er Motive für T-Shirts, entwirft Flyer, auf Wunsch bemalt er auch Leinwände oder Firmenautos.

          In der Graffiti-Szene ist Becker schon seit zwanzig Jahren unter dem Namen Cor - lateinisch für „Herz“ - bekannt. Der Name steht ihm als Erwachsener besser denn je. Vor sieben Jahren flog der Sprayer nach Thailand und half dort Kindern beim Anmalen ihrer neugebauten Schulen. Durch ein Erdbeben im Indischen Ozean und die darauf folgenden Tsunami-Wellen waren in dem Land ganze Dörfer zerstört worden, viele Bildungseinrichtungen wurden einfach weggespült. Außerdem setzt sich Becker für Waisenkinder in Äthiopien ein. Auf dem Opernplatz hat er mit Kindern einen Maltag veranstaltet und Spenden gesammelt. Von dem Erlös wird in Nazret ein Waisenhaus gebaut. Zur Eröffnung will Becker hinfliegen. Mit Airbrushpistole im Gepäck.

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