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Graffiti-Kunst : Sprayen ohne Angst im Nacken

  • -Aktualisiert am

Freie Hand: Graffiti-Künstler können am Bauzaun der Europäischen Zentralbank im Frankfurter Ostend nach ihrem Gusto malen. Bild: Gilli, Franziska

Bei Tageslicht lässt es sich besser sprühen als im Dunkeln. Graffiti-Künstler suchen nach Flächen, wo sie arbeiten können, ohne dass eine Anzeige droht. Leider ist die EZB bald fertig.

          Die Tage der Graffiti-Galerie am Bauzaun der Europäischen Zentralbank (EZB) sind gezählt. Vom 19. Juni an wird der Zaun noch ein letztes Mal vollständig neu gestaltet – und im Herbst, vor der Eröffnung des Neubaus, abgebaut. Dann wird Stefan Mohr wieder auf der Suche sein, nach Flächen, die Graffiti-Künstler ohne Angst vor Strafverfolgung gestalten dürfen. Sie sind rar in Frankfurt.

          Mohr ist Sozialarbeiter und Leiter des Jugendladens Bornheim, der in der Naxoshalle sein Domizil hat. Dazu gehört auch die Graffiti-Werkstatt. Seit Mitte 2012 koordiniert Mohr das Projekt, von Künstlern der Szene und Mitgliedern des Jugendladens den EZB-Zaun gestalten zu lassen.

          Der Jugendladen, der 2005 unter dem alten Fabrikdach eingezogen ist, war auf der Suche nach Flächen, die sich zum Besprühen eignen. Mohr fragte bei der EZB an. Seine Idee, die Bilder regelmäßig zu übermalen, überzeugte die Bank; sie finanzierte die Farben und stellte auch die Holzplatten zur Verfügung. Laut einer Sprecherin der EZB passt das Projekt zum Anspruch der Bank, lokale Projekte zu fördern.

          Stadt gibt Geld für Graffiti-Kunst - zur Prävention

          Etwa 400 Quadratmeter Fläche konnten und können die Sprühkünstlern nach ihren Vorstellungen bebildern. Das ist, wenn man sich vor Augen führt, wie schwer es Graffiti-Künstler in Frankfurt in den vergangenen Jahren hatten – die frühere Oberbürgemeisterin Petra Roth (CDU) hatte sich als Präsidentin des Deutschen Städtetags seinerzeit sogar für ein Anti-Graffiti-Gesetz eingesetzt –, ein enormes Tummelfeld.

          Roths Nachfolger Peter Feldmann (SPD) sprach sich im vergangenen Jahr dafür aus, mehr Bauzäune für Graffiti-Aktionen freizugeben. „In Frankfurt weht seit einiger Zeit ein neuer Wind“, sagt Manuel Stock, Fraktionsvorsitzender der Grünen im Stadtparlament. Ende vergangenen Jahres wurde ein gemeinsamer Antrag der CDU und der Grünen im Römer verabschiedet, nach dem das Budget, das bisher ausschließlich für die Beseitigung von Schmierereien an privaten Gebäuden verwendet werden konnte, nun auch zur Finanzierung von Graffiti-Aktionen eingesetzt werden darf.

          „Allerdings nur, wenn die Gestaltung präventiven Charakter hat“, sagt Wulfila Walter, Büroleiter des Planungsdezernenten Olaf Cunitz (Die Grünen). Soll heißen, erlaubt angebrachte Graffiti verhindern, dass an derselben Stelle illegal gesprüht wird. Denn in der Szene gilt die Regel, dass Werke nicht übermalt oder bekritzelt werden dürfen. Das „Going over“ oder das „Crossen, wie es in der Szene heißt, ist unter den Sprayern nicht gern gesehen – es sei denn, jemand übermalt ein minderwertiges Werk mit einem besseren.

          Bad Vilbel stellt „Legal Walls“ für Sprayer

          Dass man Graffiti nicht mit Ablehnung begegnen muss, hat Bad Vilbel bewiesen. Dort arbeiten das Stadtmarketing mit dem Vorsitzenden Kurt Liebermeister, das Freizeitzentrum „Efzet“ und die Polizei zusammen. An vier Standorten sind „Legal Walls“ freigegeben worden, Flächen, die besprüht werden dürfen. „Wir bekommen sehr viele Anfragen von Interessenten, die zum Sprühen hierherkommen wollen, auch aus Frankfurt“, sagt Thomas Kahler, Fachdienstleiter für Kinder- und Jugendarbeit im „Efzet“.

          Wie viele Jugendliche vom illegalen Sprayen abgehalten werden, weil es solche Flächen gibt, lässt sich kaum schätzen. Graffiti, die nicht gesprüht werden, sind schließlich nicht zählbar. Jürgen Mank, Polizeihauptkommissar in Bad Vilbel, sagt: „Wenn ich aber die vollgemalten Freiflächen sehe, bin ich mir sicher, dass die Jugendlichen auch gesprüht hätten, wenn es die Flächen nicht gegeben hätte.“ Zudem werden in Bad Vilbel illegale Sprühereien unverzüglich entfernt, auch, um Nachahmer abzuhalten. Denn dass eigenmächtiges „Verzieren“ grauer Wände Sachbeschädigung ist und strafbar bleibt, lässt sich nicht wegdiskutieren. Einem Polizeisprecher zufolge mussten im vergangenen Jahr private Haushalte und öffentliche Einrichtungen in Frankfurt rund 763000Euro aufwenden, um diese Schäden zu beseitigen. Die Dunkelziffer sei aber höher, nicht alles werde der Polizei gemeldet.

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