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Graffiti am EZB-Bauzaun : Bilder einer Ausstellung

Viele Perspektiven auf die Euro-Krise... Bild: Wonge Bergmann

Vor dem Neubau der EZB im Ostend steht Frankfurts längste Galerie. Auf dem Bauzaun zeigen Graffiti-Künstler ihr Können und sparen nicht mit Kapitalismuskritik. Die Bank hat damit kein Problem. Einige Motive hebt sie sogar auf.

          3 Min.

          Ein Sprüher darf nicht eitel sein. Die Tafeln am Bauzaun der Europäischen Zentralbank sind eine Art Palimpsest, auf dem sich die Kapitalismuskritik immer wieder neu einschreibt. Alte Graffiti werden von neuen überdeckt, andere Sprüher übermalen die Bilder ihrer Kollegen. So haften auf den Tafeln vor der EZB-Baustelle im Ostend also schon mehrere Schichten Farbe und Kritik.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Frankfurts größte Freiluftgalerie ist 150 Meter lang und besteht aus 15 Motiven im Format siebeneinhalb mal zweieinhalb Meter. Fast alle Graffiti kreisen um das Themenfeld Geldpolitik, um die Finanzkrise und deren vermeintliche und tatsächliche Wirkungen. Zu sehen ist zum Beispiel EZB-Präsident Mario Draghi im „Casino Royale“ in der Pose eines Geheimagenten, die Kanzlerin mimt das Bond-Girl. Ohnehin ist Draghi einer der häufigsten Protagonisten, etwa als Drops-Spender, der statt Bonbons Goldbarren ausspuckt. Oder als Marionette - die Hände, die die Fäden halten, erinnern an eine von Merkel bevorzugte Geste. Die EZB ficht das alles nicht an: „Solange nichts Beleidigendes dabei ist, ist Kritik erlaubt“, sagt eine Sprecherin.

          Der Jugendladen Bornheim koordiniert das Projekt

          Im Mai 2012 hat die Europäische Zentralbank Teile ihres Bauzauns für Graffiti-Künstler zur Verfügung gestellt. Sie verbucht die Galerie als sinnvolle Unterstützung lokaler Sozial- und Bildungsprojekte. Die Bank stiftet die Platten und stellt auch die Farbdosen zur Verfügung. Jährlich lässt sie sich die Aktion rund 2000 Euro kosten. Thomas Rinderspacher, Projektleiter des EZB-Neubaus, versteht die kritische Haltung der Sprüher: „Es wäre ja noch schöner, wenn sich die Künstler von ein bisschen Holz und Farbe den Schneid abkaufen ließen.“

          ... der EZB-Präsident zockt und das Bond-Girl heißt Angela...

          Der Jugendladen Bornheim, eine Einrichtung der städtischen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe, koordiniert das Projekt. Die Sprüher kommen von nah und fern, größtenteils aus der Region, aber mitunter auch aus dem Ausland. Der bisher Jüngste ist erst 14 Jahre alt. Zirka alle drei Monate wechselten die Bilder, erläutert Stefan Mohr, der das Atelier des Jugendladens in der Naxoshalle leitet. „Wir wollen zeigen, dass Graffiti eine Kunstform ist und nicht unbedingt mit Vandalismus zu tun hat.“ Nicht alle fänden es „cool“, legal im öffentlichen Raum zu sprühen. Doch viele Sprüher nutzten die Gelegenheit, um sich zu verbessern und ihr Können zu präsentieren. Einige Platten, darunter die Darstellung eines Hahnenkampfs, habe die EZB sogar aufgehoben.

          Ein kleiner Skandal am Bauzaun

          Auf dem Zaun prangte schon ein Totenkopf, ein Euro schmolz im Fegefeuer, eine Schlange näherte sich einem Geldspeicher. Die Sprüher sparen nicht mit drastischen Szenen. Dazu Sprüche wie „All they have is money“. „Viele junge Leute leiden unter der Krise, besonders im Ausland. Das bewegt die Künstler“, sagt Mohr. Einen festen Kurator gibt es nicht, wohl aber ungeschriebene Regeln: „Es gilt ein Kodex. Wir wollen keinen Sexismus, keine Gewaltverherrlichung und nichts Rechtsradikales“, sagt Mohr. Die Graffiti-Bewegung sei von Toleranz und Respekt geprägt. Dass bisher kaum ein Bild „gecrosst“, also von anderen außerhalb der Reihe übermalt wurde, sieht der Atelierleiter als Beleg für seine These.

          ... Gesicht der Krise - oder doch nicht?

          Einmal allerdings ist ein Bild durchgerutscht, das für einen kleinen Skandal sorgte. Anfang des Jahres war am Bauzaun eine merkwürdig hybride Figur zu sehen. Ein tätowierter, langhaariger junger Mann wirft eine Bombe, deren Lunte langsam abbrennt, über den Bauzaun, also gleichsam auf den EZB-Neubau. Er trägt eine Schirmmütze, wie die Karikatur eines Hip-Hoppers oder Gangsta-Rappers. Sein Gesicht mit Hakennase gleicht der Karikatur eines Juden, wie sie in der nationalsozialistischen Propaganda verwendet wurde. Überschrieben ist die Zeichnung mit dem Spruch „Die Gier nach Geld zerstört die Welt.“

          Antisemitisch oder nicht?

          Die Zeichnung wäre vermutlich nicht weiter aufgefallen, hätte sie das Jüdische Museum nicht in seiner aktuellen Ausstellung „Juden. Geld. Eine Vorstellung“ aufgegriffen. Im Epilog der Schau wurden zeitgenössische Klischeebilder des Juden gezeigt, darunter auch das besagte Graffito.

          Die EZB-Sprecherin findet, dass die Interpretation des Bildes schwierig ist. „Für mich steht dahinter ein Fragezeichen.“ Der Koordinator Mohr sagt, er stufe das Motiv nicht als antisemitisch ein.

          Wie lange der Bauzaun noch steht, ist offen

          Für Liliane Weissberg, die Kuratorin der Ausstellung im Jüdischen Museum, ist das nicht die Frage. Sie behauptet nicht, dass ein Künstler, der einen Menschen mit Hakennase zeigt, ein Antisemit sei. Es könne aber „selbstverständlich“ wirken, wenn im Zusammenhang mit dem Thema Geldpolitik ein Figur erscheine, die stereotype Züge des Juden zeige. Weissberg will auf Vorstellungen und Klischees aufmerksam machen: „Im Kontext der Diskussion um Geldwirtschaft taucht sofort das Bild des Juden auf. Es geht vielleicht ganz automatisch, dass diese Figur eine Hakennase hat.“

          Dass die Figur die EZB zerstören wolle, sei kein Widerspruch. Die Klischeebilder des Juden gingen in zwei Richtungen: einerseits der Jude als Vertreter des Kapitalismus, andererseits der Jude als Bolschewist, der gegen die Wirtschaftsordnung agiere und aus der Sicht der Nationalsozialisten „das deutsche Volk beraubt“. Um zu zeigen, welche Bilder auch heute noch unbewusst mitschwingen, hat Weissberg das Graffito in die Ausstellung aufgenommen. „Mir wäre es lieber gewesen, wenn die Figur eine Stupsnase gehabt hätte. Ich kenne auch mehr Juden mit Stups- als mit Hakennasen“, sagt sie.

          Und wer beobachtet hier eigentlich wen?

          Wie lange der Bauzaun noch steht, ist offen. Einen Termin für die Finissage gibt es bisher nicht. Eines aber ist nach den Worten der EZB-Sprecherin sicher: Das Ende der Bauarbeiten ist auch das Ende der Galerie. Ende 2014 will die EZB einziehen. Spätestens dann wird die Freiluft-Ausstellung abgeräumt. Wahrscheinlich ist aber schon ein paar Monate früher Schluss, denn auch die Außenanlage wird neu gestaltet.

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