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Zu Besuch in der Goldschmiede : Die Lernenden

  • -Aktualisiert am

Gemeinsamer Arbeitsort: die Goldschmiede im Atelier von Pia Sommerlad und Nils Schmalenbach Bild: Rainer Wohlfahrt

Kann Schmuck zu schön sein? Pia Sommerlad und Nils Schmalenbach haben auf diese Frage eine Antwort.

          5 Min.

          Beide wollten staatlich geprüfte Gestalter werden. Sie schrieben sich dafür zum Studium an der Zeichenakademie in Hanau ein und lernten sich so kennen. Das war 2005, und für Pia Sommerlad war zu diesem Zeitpunkt Hanau ein wohlvertrautes Terrain, auf dem sie schon ihre Ausbildung zur Gesellin absolviert hatte. Nils Schmalenbach war, bevor er nach Hanau kam, bei einem Goldschmied in Dortmund in die Lehre gegangen. Heute betreiben Sommerlad und Schmalenbach gemeinsam ein Atelier in Gießen, im August wollen sie an der Bahnhofstraße einen Laden eröffnen.

          Im „Galeriehaus neun10räume“ an der Moltkestraße, wo sie an ihren Kollektionen arbeiten und wo sie auch Goldschmiedekurse geben, sitzen Schmalenbach und Sommerlad an hölzernen Werkbänken. Die Fenster sind mit Stoff verhängt, Feilen und Zangen und Pinzetten in allen Größen liegen herum, im Schein einer hellen Arbeitsleuchte glitzert ein silberner Ring. Schmalenbachs Ansporn zu seiner Berufswahl war die Berufung seiner Mutter, deren Freude am Goldschmiedehandwerk er von Kind an miterlebt hatte. Nach der Gesellenprüfung zog es den Sohn in die Ferne.

          Unikatschmuck oder Massenproduktion?

          Mit einem Kleinbus voller Werkzeug machte er sich auf den Weg nach Spanien, wo er sich mit frisch erworbenen Sprachkenntnissen als fahrender Geselle über Wasser halten wollte. Aber der schwache Akku seines Busses machte ihm einen Strich durch die Rechnung, der Saft war jedes Mal schnell aufgebraucht. In Granada hatte er sich eigentlich bei einem Goldschmied verdingen wollen, der auf religiösen Zierrat spezialisiert war. Doch eine Tasse Kaffee, die er vor dem Bewerbungsgespräch in einer kleinen Bar neben der Werkstatt trinken wollte, sollte alles ändern. Aus der Werkstatt kam Gebrüll und Gezeter, Schmalenbach fragte den Barkeeper, was denn dort los sei. Ach, das sei dort üblich, erklärte der, interessanter Laden zwar, versorgt seit 100 Jahren den Vatikan mit Semana-Santa-Requisiten und steht Opus Dei sehr nahe. Schmalenbach verzichtete dankend auf den Job.

          Den Entschluss, in Hanau zu studieren, hätten sie nie bereut, sagen die beiden Goldschmiede, an der Akademie hätten sie eine gute Zeit gehabt. Und dann noch mehr lernen wollen. Zwei Jahre im Bereich Schmuck- und Edelsteindesign an der Fachhochschule Trier am Standort Idar-Oberstein für den Bachelor of Arts perfektionierten die lange Ausbildung. In ihrem Verlauf haben sich beide ein enormes theoretisches und praktisches Wissen angeeignet. Die Fragen, vor denen wahrscheinlich sehr viele in diesem Metier einmal stehen, waren damit aber noch nicht beantwortet: Unikatschmuck oder Massenproduktion? Autorenschmuck oder Serienschmuck?

          Das Dilemma vieler Künstler

          Angesichts eines ihrer Stücke, erzählt Sommerlad, habe einmal ein Dozent, selbst ein Schmuckkünstler, zu ihr gesagt, was sie herstelle, sei „zu schön“. Sie habe mit der Aussage reagiert, was sie gefertigt habe sei ja Schmuck, und der dürfe schön sein. Schmalenbach ergänzt den erinnerten Dialog mit trockenem Humor: Manche Professoren akzeptierten Stücke nur, wenn man die, nachdem sie fertig seien, mit dem Hammer traktiere. „Das ist dann wirklich Kunst in deren Augen.“

          Was ist Schmuck, ein Begriff, der mehr als eine Bedeutung hat und immer auch eine soziale Komponente? Schmucktheoretiker nennen Unikate der Goldschmiedekunst gerne „körperwiderständig“. Das klingt sperrig, doch das Bild trifft es genau. Wie bei René Lalique und seinen wunderschönen Schmuckstücken, die keine waren. „Der Träger will ja nicht zum Sockel werden“, sagen Sommerlad und Schmalenbach. Schmalenbach löst das Dilemma auf seine Art: So begeistert eine Kundin von einem besonderen Unikat auch sein mag, er gibt es nicht her. Dilemma so vieler Künstler.

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