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Frankfurter Altstadt : Ein Eckpfosten, bildreich wie ein Totempfahl

Knapp zehn Jahre vor der Zerstörung: die „Goldene Waage“ auf einem Foto von etwa 1935 Bild: Institut für Stadtgeschichte

Die „Goldene Waage“ in der wiederaufgebauten Frankfurter Altstadt ist ein Museum der Baukunst. Es erzählt Geschichten.

          Ganz unten zeigt der geschnitzte Eckpfosten eine biblische Szene. Abraham will seinen Sohn Isaak opfern, doch der Erzengel Gabriel greift ihm im letzten Moment ins Schwert. Darüber prangt das Familienwappen des Erbauers der „Goldenen Waage“, des Gewürzhändlers Abraham von Hameln. Noch etwas weiter oben ist die Waage selbst zu sehen, die dem Haus, in dessen Kaufhalle der Hausherr seine Waren abwog, einst den Namen gab. Gekrönt wird die Bilderfolge von einem Akanthusblatt, einem griechischen Ornament.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Eckpfosten, bildreich wie ein Totempfahl, erzählt wie so viele Details der „Goldenen Waage“ alte Geschichten. Der Erbauer hatte sich vor 400 Jahren an Motiven aus dem Alten Testament orientiert, aber auch griechische Bautraditionen werden im Fassadenschmuck zitiert. Dass diese Spuren und Geschichten überliefert sind, ist nicht nur Skizzen und anderen Bildquellen zu verdanken. Viele Originalteile haben den Krieg überdauert und werden nun wieder eingebaut. Der Eckpfosten ist allerdings nur eine Replik. Das Original steht im Historischen Museum, war aber einst zerbrochen und wird dort Teil der Ausstellung bleiben. Die Kunstschnitzer konnten sich an diesem Vorbild orientieren.

          „Jedes Teil hat eine Bedeutung“

          Für das Fachwerk im ersten und zweiten Obergeschoss der „Goldenen Waage“ wird altes Eichenholz verwendet, das aus einem anderen Fachwerkhaus stammt. Anders als die Sandsteintapete im Erdgeschoss, die vor einem Kern aus Stahlbeton hängt, handelt es sich beim Fachwerk um eine tragende Konstruktion. Ende August soll auch der Dachstuhl der „Goldenen Waage“ gerichtet sein, pünktlich zum Richtfest für die Altstadt, das im September gefeiert wird. Ende 2017 soll das Haus außen fertig sein, der Innenausbau wird wohl noch bis zum Frühjahr 2018 dauern. Wie früher werden die geschnitzten Muster an der Fassade wieder bunt bemalt. Im Erdgeschoss sind die ersten Sandstein-Ornamente schon von den Gerüsten befreit. Noch ist viel Phantasie nötig, um sich die Stuckdecke auszumalen, unter der in zwei Jahren die Gäste des Cafés sitzen, das hier einziehen wird. Im Übergang zum Nachbargebäude ist das Kreuzgratgewölbe schon zu sehen.

          Die „Goldene Waage“ ist ein Museum der Baukunst. „Jedes Teil hat eine Bedeutung“, sagt der Architekt Jochem Jourdan, der die sieben bis acht Millionen Euro teure Rekonstruktion leitet. Viele Zimmerer, Stuckateure, Schmiede und Steinmetzen leisten einen Beitrag. Jourdan ist überzeugt, dass die Urbanität und Dichte in der Altstadt die Menschen begeistern wird. Sie war nur durchzusetzen, weil der Bauherr, die Dom-Römer-GmbH, die Altstadt als ein Projekt verwirklicht und nicht 35Einzelhäuser errichten lässt. „Diese Idee wird für Frankfurt die gleiche Bedeutung haben wie das Museumsufer“, glaubt Jourdan, für den die „Goldene Waage“ ein Teil der Erinnerungskultur ist. „Wir stehen ständig mit einem Fuß in der Vergangenheit.“

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