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Götz Alsmann : In Paris ist ein Zimmer frei

  • -Aktualisiert am

Mit Tolle und in Babyblau: Götz Alsmann nicht in Paris, aber im Wiesbadener Kurhaus. Bild: Röth, Frank

Götz Alsmann und seine Rhythmusgruppe spielen im Wiesbadener Kurhaus Chansons.

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          Als Männer eng anliegende Helanca-Rollkragenpullover trugen und Hans Joachim Kulenkampff durch die Sendung „Einer wird gewinnen“ führte, saß in Münster ein Junge vor dem Fernsehgerät und nahm zum ersten Mal französische Musik wahr - Gilbert Bécaud sang. Da wusste der Junge: „So will ich auch mal werden.“ Zwar haben sich die Dinge dann doch ein wenig anders entwickelt. Nach gut viereinhalb Dekaden kommt Götz Alsmann seinem Erwecker jetzt aber so nah wie wohl noch nie. Denn der Musiker und Moderator hat auch Meriten als Trüffelschwein: Bei der stets mit wissenschaftlicher Akribie betriebenen Suche nach Liedgut, das zu Unrecht vergessen oder übersehen wurde und dem er dann auf der Bühne und auf CDs zu neuer Popularität verhilft, ist er diesmal auf alte Chansons gestoßen.

          „In Paris“ heißen Programm und CD nach dem Ort, wo sie produziert wurden. Im berühmten Studio Ferber bröckelt der Putz von den Wänden, aber der Geist von Charles Trenet, Yves Montand oder eben Gilbert Bécaud, den diese Wände ebenso atmen wie das alte Sofa, das Serge Gainsbourg dort abgestellt hat, bleibt auch dann erhalten, wenn man die Stücke in Deutsch singt. Das tat Alsmann, der sie teilweise selbst übersetzt hat, nun beim Rheingau Musik Festival im ausverkauften Thiersch-Saal des Wiesbadener Kurhauses.

          Viel Frankreich im Gesang

          Alsmann und seine aus vier reiferen Herren bestehende Rhythmusgruppe, die in babyblauen Sakkos auch modisch an die Entstehungszeit der Stücke anknüpften, betätigten sich als musikalische Reiseführer, die noch einmal die goldenen Zeiten von Montmartre, Eiffelturm und Champs Elysées heraufbeschworen, die Kulisse also für erste und letzte Küsse, Begegnung und Abschied, große Liebe und tiefe Trauer. Das sind keine Schnulzen, das ist Kultur. Virtuos vorgetragen und meisterhaft arrangiert.

          Die erste Konzerthälfte ist freilich bestimmt von Alsmanns Wortbeiträgen. Am Klavier hält er sich anfangs zurück und legt so viel Frankreich in seinen Gesang, dass darüber die deutsche Auslautverhärtung schwindet. Worte wie ganz, was und bis enden bei ihm stimmhaft. Mit Conférencen, die sich nicht selten zu eigenen komödiantischen Nummern auswachsen, gibt er die Rampensau, die man aus dem Fernsehen kennt. Dass er etwa in seiner Jugend sämtliche Eddie-Constantine-Filme verschlungen hat, obwohl der katholische Filmdienst davon stets ausdrücklich abriet, erfährt man aber aus gutem Grund. Dass das populäre Leinwand-Rauhbein auch sang und noch dazu ein so melancholisches Stück wie „L’homme et l’enfant“, das bei Alsmann „Der Vagabund und das Kind“ heißt, weiß außerhalb Frankreichs fast niemand.

          Alsmann bleibt seriöser Musiker

          Französische Atmosphäre entsteht in der wilhelminischen Kurhaus-Pracht nicht in erster Linie durch Requisiten wie etwa ein Baguette, das Perkussionist Markus Paßlick bisweilen schwingt, sondern durch die Gerätschaften, die er im Laufe des Abends außerdem aus seinem offenbar bodenlosen Geräuschzauberkasten holt und damit vor allem das perfekte Vibra- und Xylophonspiel von Altfrid M. Sicking ergänzt. Bei Klangerlebnissen dieser Art hört man besungenes Herbstlaub buchstäblich im Wind fliegen.

          Nach der Pause wird es konzertanter, legt Alsmann den Zimmer-frei-Habitus zunehmend ab, spielt nicht mehr nur wie nebenbei Klavier, hält mit einem Akkordeon irgendwann ganz Frankreich vor dem Bauch und stimmt sogar zwei Hymnen an: Zur Melodie von „La Mer“ wiegen sich die Musiker auf imaginären Wellen wie Schiffbrüchige hin und her. „Les feuilles mortes“ indes wurde unter dem englischen Titel „Autumn Leaves“ bekannter und heißt in Deutsch nun „Der Schleier fiel“. Seriöser Musiker bleibt Alsmann selbst bei der Zugabe, wenn er eine Ukulele unter dem Kinn trägt.

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