https://www.faz.net/-gzg-72v1j

Goethe-Festwoche : Banknote als Schöpfung aus dem Nichts

Goethe und das Geld - der Bankier und Goethe: Friedrich Metzler und seine Frau Sylvia. Bild: dpa

„Goethe und das Geld“ ist das diesjährige Leitwort der nun eröffneten Goethe-Festwoche.

          Na so was: Die Frankfurter interessieren sich für Geld. Sogar die sogenannten Bildungsbürger strömten zuhauf ins Frankfurter Schauspiel, wo Kulturdezernent Felix Semmelroth (CDU) die diesjährige Goethe-Festwoche unter dem Leitwort „Goethe und das Geld“ eröffnete. Eigentlich hätten sich die Veranstalter das denken können. Der Zuschauerraum des Großen Hauses hätte die Publikumsmassen vielleicht noch fassen können. Aber der Chagall-Saal? Wer eine halbe Stunde vor Beginn der Veranstaltung kam, stand draußen vor der Glastür. Intendant Oliver Reese und Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Goethe-Hauses, sahen sich zu einer Entschuldigung genötigt, weil sie die Hälfte ihrer Gäste ins benachbarte Holzfoyer umquartieren mussten. Dort stand eine Leinwand, auf der die Eröffnung übertragen wurde.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Goethe aus Distanz also. Schade: Schließlich hätte man gern das schauspielerische Debüt des Bankiers Friedrich von Metzler aus der Nähe erlebt. Aber: „Wir lesen nur“, dämpfte Bohnenkamp-Renken überzogene Erwartungen an eine schauspielerische Glanzleistung. Es war ihre Idee gewesen, gemeinsam mit dem Finanzexperten die einschlägigen Verse zur Erfindung des Papiergelds ohne Deckung aus dem ersten Akt des zweiten „Faust“-Teils vorzutragen. Schließlich war ein gleichnamiger Vorfahr des Bankiers mit dem Dichter nicht nur auf dem Main Schlittschuh gelaufen. Der damalige Friedrich hatte mit Goethe 1790 in Weimar auch über hochspekulative Geschäfte einer Zettelbank gesprochen, war von Semmelroth zu erfahren, bevor sich der Nachfahr seines Jacketts entledigte und zu rezitieren anhob.

          „In diesem Zeichen (dem Kreuz) wirst du siegen“

          „Ich grüße die Getreuen, Lieben...“ Was folgte, klang nach Ministerpräsident Samaras: „Ein jeder kratzt und scharrt und sammelt,/Und unsre Kassen bleiben leer.“ Goethe kannte sich eben aus. Schließlich sollte er selbst als wohlhabender Weimarer Finanzminister einen Pleitestaat sanieren. Das tat er denn auch mit seiner Austeritätspolitik, auf die Semmelroth ausdrücklich hinwies. Vor allem aber wusste Goethe vom Scheitern der ersten Papiergeldschöpfungen in Europa: der Assignaten-Wirtschaft in Frankreich, die mit der Insolvenz des französischen Staates 1796 ein jähes Ende fand, und von den finanzpolitischen Abenteuern des britischen Bankiers John Law, der mit ungedecktem Papiergeld den französischen Staat 1720 in eine Wirtschaftskrise gestürzt hatte – Vorbild für Mephisto.

          Geld ist teuflisch und göttlich zugleich, Papiergeld ist eine Illusion, die magisches Denken voraussetzt. Dies legte die Literaturwissenschaftlerin Sigrid Löffler in ihrem brillanten Festvortrag dar, nachdem sie Goethes Vermögen auf umgerechnet sieben bis 17 Millionen Euro geschätzt hatte. Genau 1700 Jahre nach Konstantins Schlacht an der Milvischen Brücke gegen seinen Widersacher Maxentius nahm die Referentin Goethes unverschämte Paraphrase der göttlichen Vorsehung zum Ausgangspunkt ihrer Rede. „In diesem Zeichen (dem Kreuz) wirst du siegen“, träumte der römische Kaiser. „In diesem Zeichen wird nun jeder selig“, sagt Goethes Schatzmeister am Hof des bankrotten Kaisers. Das Geld habe die Religion beerbt und zersetze sie zugleich, so Löffler. Da aber das Papiergeld seinen Wert aus dem zeitlichen Aufschub, dem offenen Zahlungsversprechen, sprich: Kredit, beziehe, sei eine Banknote letztlich eine Creatio ex nihilo.

          „Banknoten sind Glaubenssache“, resümierte Löffler zum Vergnügen des Publikums. Dem Zettelgeld hafte damit ein magischer Aspekt an, der aber allseits totgeschwiegen werde. Die Referentin bezog sich auf den Schweizer Ökonomen Hans Christoph Binswanger, als sie die moderne Finanzwirtschaft mit der Alchemie verglich. Nur dass heute nicht mehr Blei in Gold verwandelt werde, sondern Papier in Geld. Nicht zufällig unterschreibt Goethes Kaiser den Vertrag mit Mephisto während der „Mummenschanz“-Szene. Da bot sich der Bogen an zu Fausts Landgewinnung im fünften Akt: Aus Wasser Land zu gewinnen sei genauso eine Täuschung wie aus Papier Geld zu machen, sagte Löffler. Mephisto kündige die Dammbrüche sogar schon an. Wer sich Gewalt (Raufebold), Gier (Habebald) und Geiz (Haltefest) als Gefährten wähle, schaffe selbst unkontrollierbare Gefahren.

          Weitere Themen

          Dacia Duster Video-Seite öffnen

          F.A.Z.-Fahrbericht : Dacia Duster

          Kein SUV bietet mehr fürs Geld. Das merken immer mehr Kunden, und mit dem neuen Turbo-Benziner ist der Dacia Duster sogar richtig flott.

          Topmeldungen

          Künast hat sich bei zahlreichen Gelegenheiten von der früheren Position mancher Grüner distanziert.

          Hass-Posts gegen Renate Künast : Erlaubt ist alles

          „Stück Scheiße“, „Schlampe“, „Drecksau“ – solche und noch krassere Kommentare prasselten auf Renate Künast ein. Das Landgericht Berlin sieht darin keine persönliche Schmähung, sondern nur zulässige Sachkritik.
          Die Stadt Sassnitz auf der Insel Rügen hat etwa 9000 Einwohner.

          SPD kooperiert mit AfD : „Ich habe da kein schlechtes Gewissen“

          Immer wieder hat die SPD in Bund und Ländern bekräftigt, mit der AfD nicht zusammenarbeiten zu wollen. In Sassnitz auf Rügen reichen die beiden Parteien aber jetzt gleich sieben Anträge gemeinsam ein.

          Prozess um Steuerskandal : Streit über Rolle der Depotbank im Cum-Ex-Wirrwarr

          Der aktuelle Cum-Ex-Prozess am Landgericht Bonn wirft Fragen auf: Wer hätte wann Steuern einziehen sollen? Und wer hätte das wissen müssen? M.M.Warburg und die Deutsche Bank liegen in ihrer Einschätzung sehr weit auseinander.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.