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„Zukunftspavillon“ : Gnadenfrist für ein städtebauliches Experiment

Mittagspause auf dem Goetheplatz: In den Sommerwochen war der Pavillon gut besucht. Bild: Helmut Fricke

Der „Zukunftspavillon“ auf dem Roßmarkt bleibt mindestens bis März stehen. Für die Architekten hat sich das Projekt bewährt. Aber die Stadt ist ernüchtert.

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          Unter den Bäumen auf dem Goetheplatz findet sich noch ein schattiges Plätzchen. Ringsum sind die Tische vor dem „Zukunftspavillon“ recht gut besucht. Der Salat wird zu einem angemessenen Preis in einem kleinen Glas gereicht, die Focaccia schmeckt schön knusprig. Auch abends ist hier immer wieder einiges los. Vor ein paar Wochen feierte der Bund Deutscher Architekten hier sein Sommerfest. An langen Tischen saßen Architekten ins Gespräch vertieft und diskutierten über die Stadtentwicklung. Immer dienstags gibt es ein Konzert. Neulich, als die Band „Evas Apfel“ spielte, war auf den bunten Stühlen vor der Bühne kaum noch ein Platz frei. Und zur „Pecha Kucha Night“ in der vergangenen Woche kamen sogar 300 Besucher.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für den Architekten Ian Shaw hat sich der Einsatz deshalb gelohnt. Er hat den „Zukunftspavillon“ auf dem Roßmarkt entworfen. „Man braucht eine Art von öffentlicher Nutzung an dieser Stelle. Das ist bewiesen“, sagt er. Shaw und seine Mitstreiter vom Verein „Architektursommer Frankfurt/Offenbach“ wollen mit dem Pavillon den Platz beleben und ein Forum für Diskussionen über Stadtentwicklung und Architektur bieten. Ursprünglich sollte der Pavillon im Herbst abgebaut werden. Aber die Stadt will ihn noch einige Monate länger dort lassen, mindestens bis März.

          Die Probe für eine dauerhafte Bebauung

          Für die nächsten Monate plant der Verein weitere Veranstaltungen. Die Diskussionsforen, etwa zu altersgerechtem Wohnen und anderen Themen, die die Stadt bewegen, hätten sich bewährt, meint Shaw. „Die Leute bleiben stehen und diskutieren mit über ihre Stadt.“ In dem Pavillon gibt es eine Bühne und ein kleines Café.

          Das Planungsdezernat will mit dem Experiment auch erproben, ob sich der Ort für eine dauerhafte Bebauung eignet. 2003 schlug das Stadtplanungsamt vor, in der Verlängerung der Junghofstraße, also an der Grenze von Goetheplatz und Roßmarkt, ein Gebäude zu bauen und den Riesenraum zu teilen. Ein Querriegel, so der Plan, könnte den 200 Meter langen Platz, an dem es nur ein einziges Restaurant gibt, beleben. Der Vorschlag fand auch Eingang ins Innenstadtkonzept, mit dem die Planer die weitere Entwicklung des Stadtzentrums steuern wollen. Der Pavillon wurde vor einem Jahr errichtet, um die räumliche Wirkung eines Baukörpers an dieser Stelle und seine Ausstrahlung auf die Umgebung zu untersuchen.

          Umstrittene Gestaltung des Pavillons

          Der Sprecher des Planungsdezernats äußert sich vorsichtig. „Wir sind etwas ernüchtert. Es hat uns nicht ganz überzeugt“, sagt er. Ob ein festes Gebäude an dieser Stelle entstehen soll, wollen die Planer aber nicht allein „im stillen Kämmerlein“ entscheiden. Der Pavillon dürfe „einige wenige Monate“ länger stehen bleiben, aber nicht zur dauerhaften Lösung werden.

          Umstritten war vor allem die Gestaltung des Pavillons. Der untere Teil wird von Grünpflanzen berankt, die in Pflanztrögen stehen. Die obere Hälfte ist mit durchscheinendem Kunststoff bespannt. Einige Anlieger kritisierten, dass die Architektur zu billig wirke. Der Projektentwickler Christian Anniés zum Beispiel ist dieser Ansicht. Er wird nicht müde, seinen eigenen Vorschlag zu vermarkten. Anniés wollte schon 2003 ein langgestrecktes zweigeschossiges Gebäude an den westlichen Rand des Goetheplatzes setzen, parallel zur Börsenstraße. In dem Gebäude sollten bis zu acht Restaurants und Cafés Platz finden. Die Idee stieß damals bei der Stadtplanung auf Ablehnung. Und der Sprecher des Dezernats bleibt dabei: „Der Vorschlag ist mehr als zehn Jahre alt und hat es nicht ins Innenstadtkonzept geschafft. Wir halten ihn nicht für empfehlenswert.“

          Ein zweiter Standort für den Pavillon?

          Für die letzten Monate des „Zukunftspavillon“ sind keine größeren Feste auf dem Roßmarkt geplant. Deren Organisation hat der Pavillon gelegentlich erschwert. Der Roßmarkt gilt als Veranstaltungsfläche. Der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Klaus Oesterling forderte deshalb noch im Januar, den Pavillon schnell wieder abzuräumen. Denn er stehe Festen im Weg, die dem Apfelwein und der Grünen Soße gewidmet seien. Es fand sich dann doch ein Kompromiss. Die Feste wurden gefeiert, und der Pavillon blieb stehen, große Beschwerden gab es nicht.

          Der Architekt Shaw fürchtet den nächsten Winter nicht, er will den Schwung aus dem Sommer mit in die kalte Jahreszeit nehmen. Er hofft, dass der Pavillon sogar noch etwas länger stehen bleiben darf, „höchstens noch ein Jahr“. Und wenn der „Zukunftspavillon“ dann tatsächlich abgebaut werden muss, will Shaw einen neuen Standort für ihn finden. „Es ist ein temporäres, transportables Gebäude. Wir suchen Leute, die ihn weiter nutzen wollen.“

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