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70 Jahre Hessen-Lotto : Von Zahlen-Feen und Tipper-Glück

Losglück: Elvira Hahn zog 1956 die ersten Lottozahlen. Bild: Lotto Hessen

Lotto-Hessen wird 70 Jahre. Grund genug, die bisherigen Glücks-Feen sprechen zu lassen. Aber auch Zahlen kommen zu Wort. Denn die Tipper haben für einige Rekorde gesorgt.

          Da sitzt sie im schwarz-weiß längsgestreiften Blazer und frisch frisiert im Scheinwerferlicht und macht aus ihrer Nervosität keinen Hehl. Zwar darf sich Elvira Hahn mit Fug und Recht als Lottofrau der ersten Stunde hierzulande bezeichnen. So oft wie die beiden anderen Lotto-Feen Karin Tietze-Ludwig und Franziska Reichenbacher neben ihr am Tisch spricht sie in der Öffentlichkeit aber dann doch nicht. Allerdings fehlte an diesem Donnerstag, an dem Hessens Lotteriegesellschaft auf sieben Jahrzehnte ihres Bestehens zurückblickt, ohne ihre eigene Geschichte etwas.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schließlich zog Elvira Hahn ehedem die ersten Lottozahlen des Spielformats „6 aus 49“. Das war am 9. Oktober 1955 in Hamburg, ohne hessische Beteiligung, was aber nicht weiter schlimm ist, Premiere ist Premiere. Zudem wohnt Hahn seit vier Jahrzehnten in Hessen und ist seit jenem Tag vor 63 Jahren auch hier bekannt. Damals war sie als Waisenmädchen ein Heimkind. Die regionale Lottogesellschaft hatte in dem Heim gefragt, ob zwei Mädchen die Lottozahlen ziehen könnten. Eine von zweien war Hahn.

          Fünf Mark für den Einsatz

          „Die Erzieherin hat uns ermahnt, ordentlich aufzutreten“ – mit weißen Kniestrümpfen, sauberen Schuhen und geputzten Fingernägeln. Sie seien per Taxi in ein Hotel gefahren worden. Dort habe es Kakao und Kuchen gegeben – „das war schon das Schönste an diesem Tag“, erinnert sie sich. Als sie dann vor dem Ziehungs-Rad gestanden hätten, habe der Notar gesagt: „Elvira, komm zu mir. Du darfst die erste Kugel ziehen.“ Ein Foto zeigt, wie das mit einem ärmellosen Pulli und Faltenrock bekleidete Mädchen durch ein Fenster in die Trommel fasst. Sie weiß noch heute genau, welche Zahl sie zog: „die 13“. Danach war das andere Mädchen dran. Sie bekamen jeweils fünf Mark für ihren Einsatz, die sie aber im Heim in Verwahrung geben mussten. Bis Ende 1956 zogen immer wieder Mädchen aus dem Heim abwechselnd die Lottozahlen in Hamburg.

          Sackweise: Anfangs kamen die Toto-Scheine gut verpackt in Wiesbaden an.

          Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sich auch die Hessen rechtlich präpariert. Im September jenes Jahres trat neben die seit 1949 mit der Toto-Auswahlwette befasste Sportwetten GmbH die neue Staatliche Zahlenlotto GmbH. Sie gab Tippscheine aus, mit 50 Pfennig Mindesteinsatz war dabei, wer mochte. Und viele machten mit. Die öffentlichen Ziehungen 1957 im Wiesbadener Museum gerieten zum gesellschaftlichen Ereignis: „Die Männer kamen in Anzug und Krawatte, die Frauen trugen Hut“, berichtet Lotto-Hessen-Chef Heinz Georg Sundermann unter Rückgriff aufs Archiv. Acht Jahre später übertrug der Hessische Rundfunk erstmals eine Ziehung im Fernsehen, und seit 1967 präsentierte Tietze-Ludwig als Lottofee die Zahlen.

          „Jeden Samstag – schrecklich“

          In Erinnerung an jene Zeit gibt sie zu, sie habe diese Aufgaben anfangs gar nicht angestrebt. „Jeden Samstag – schrecklich“, habe sie gedacht. Letztlich blieb sie aber drei Jahrzehnte die Lotto-Fee. „Es war ein schöner Weg, den ich habe einschlagen müssen“, bekennt sie. Sogar Hochzeitsanträge habe sie bekommen – „so zwanzig bis dreißig“. Dazu allerlei Briefe von Leuten, die auf diesem Wege versucht hätten, dass ihre Zahlen gezogen würden. Vergeblich, natürlich.

          365 Personen sind in ihrer Zeit zum Lottomillionär geworden, wie sie berichtet. Angesichts dieser Zahl staunt auch Reichenbacher, die ihre Kollegin 1998 beerbt hat und seitdem die Glückszahlen im Fernsehen vorstellt. Weniger erstaunlich ist, dass Lotto Hessen ein sehr gutes Jahr hinter sich hat. Die Umsätze aus dem Bundesland summierten sich auf 657 Millionen Euro, ein Plus von fast sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ein Pro-Kopf-Umsatz von 106 Euro bedeutet den Spitzenplatz in Deutschland.

          Das alles verwundert nicht, denn eine ungewöhnlich hohe Zahl an Jackpot-Knackern aus Hessen animierte viele Gelegenheitsspieler zum Tippen. An drei der fünf höchsten Jackpots waren hessische Tipper beteiligt. „Statistisch ist das nicht nachvollziehbar“, sagt der Lotto-Hessen-Chef. Aber das sei eben Glücksspiel. 2018 habe Lotto-Hessen 382 Millionen Euro Gewinne ausgezahlt, und 135 Millionen Euro flossen dank der Zweckabgaben (siehe Kasten) aus Lottomitteln in Sport, Kultur, Denkmalpflege und Soziales. Seit 1949 sind fünf Milliarden Euro dem Gemeinwohl zugutegekommen.

          „Sportwetten-Streit ist ein Trauerspiel des Föderalismus“

          Der Streit um Sportwetten geht in das 14. Jahr: Im März 2006 kassierte das Bundesverfassungsgericht das staatliche Sportwetten-Monopol. In der Folge strömten private Anbieter auf den bis dahin für sie verschlossenen deutschen Markt. Seitdem teilen vor allem sie den Markt unter sich auf – aber ohne Lizenz für Deutschland. Zwar haben einige Dutzend Anbieter eine Lizenz aus Schleswig-Holstein, doch eine für die gesamte Republik geltende Regelung steht aus. Die staatliche Oddset-Sportwetten ist mittlerweile ein Zwerg (siehe Grafik).

          Denn außer fünf Prozent Wettsteuer, die auch Konkurrenten zahlen, muss Oddset die Abgaben für soziale und kulturelle Zwecke leisten. Das ist etwa ein Fünftel des Wettumsatzes, das für die Ausschüttung an die Kunden fehlt. Die gehen in der Folge zu Privaten. Den Chef von Lotto Hessen, seit Jahren ein Kritiker dieser Situation, lässt dies nicht ruhen. Heinz-Georg Sundermann sprach in Wiesbaden bei der Vorlage der Bilanz 2018 seiner Gesellschaft von einem „Trauerspiel des Föderalismus“. Oddset habe in dem auf acht Milliarden Euro taxierten Markt zuletzt 160 Millionen Euro im Jahr erlöst.

          Die Milliardensumme ergibt sich aus den 400 Millionen Euro an abgeführten Wettsteuern. Bisher scheiterte eine Übereinkunft aller Länder zur Sportwettenregulierung an unterschiedlichen Forderungen. Während manche die Zahl der Lizenzen beschränken wollten, lehnten andere das ab. Sundermann machte vor einigen Jahren den Vorschlag, alle Anbieter zu lizensieren, die die behördlichen Auflagen erfüllten. Diese Linie vertritt auch die Hessische Landesregierung. In der übernächsten Woche will die Ministerpräsidenten-Konferenz einen weiteren Anlauf zur Lösung des Sportwetten-Streits nehmen. Einigten die Länder sich, könnte zum 1. Januar 2020 jeder seriöse Anbieter eine Lizenz bekommen. „Alles andere regelt dann der Markt“, meint Sundermann. (thwi.)

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