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Glücksspiel in Corona-Krise : Empörung fehl am Platz

  • -Aktualisiert am

Auch Spielhallen müssen während der Corona-Krise geschlossen bleiben. Bild: dpa

Das Glücksspiel erlebt, ebenso wie der Luftverkehr, in der Corona-Krise einen noch nie dagewesen Einbruch. Über die zustehenden Hilfsmittel wird gestritten, wobei eine moralische Unterscheidung von Branchen hier fehl am Platz ist.

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          Man könne nicht darauf hoffen, unter den Ersten zu sein, die wieder aufmachen dürften. Man sei, so heißt es weiter in einem der vielen Diskussionsbeiträge, die intern zur Zukunft der Branche zirkulieren, ja wohl kaum systemrelevant. Das ist keine Demutsgeste, sondern Sinn für die Realität. Die Geschäfte mit dem Glücksspiel erleben einen zuvor nie für möglich gehaltenen Einbruch, der sich mit dem im Luftverkehr messen kann.

          Dieser Vergleich hinkt naturgemäß. Aber er soll deutlich machen, dass es in Zeiten von Corona wenig Raum gibt, zwischen moralisch gut und böse zu unterscheiden. Zur Verteilungsgerechtigkeit gehört, all denen Unterstützung zukommen zu lassen, die legale Geschäfte betreiben und Arbeitsplätze geschaffen haben. Das sind in diesem Zweig der Wirtschaft nicht so wenige, wie mancher glaubt.

          Eine Empörung nach dem Reflex, wie könne es sein, dass einer Branche, die ihr Geld doch mit menschlichen Schwächen verdiene, auch noch mit Steuermitteln unter die Arme gegriffen werde, ist heuchlerisch. Gerade die Kommunen profitieren von den Abgaben der Spielhallen. Die Betriebe wegen eines ethisch fragwürdigen Geschäftsmodells nicht zu unterstützen hieße zudem, die Krise zu missbrauchen, um eine Debatte um Werte und Freiheiten nicht zu Ende führen zu müssen.

          Ausbeutung soll verhindert werden

          Der Wunsch – und in leider nicht wenigen Fällen die Sucht –, sein Glück auf die Probe zu stellen, hat sich zu einem Business mit hohen Wachstumsraten und Renditen entwickelt. Wie der Staat seinen Anspruch durchsetzen kann, zum Schutz der Jugend, aber auch anderer Gefährdeter den Spieltrieb zu kanalisieren und zu kontrollieren, um Ausbeutung zu verhindern, ist gerade in Deutschland seit mehr als zehn Jahren eine offene Frage geblieben.

          Die Auseinandersetzung geriet auf Nebengleise. Sie wurde unter den Aspekten, ob dem Staat weiter das Monopol zustehen müsse, Glücksspiele zu veranstalten, und in welchem Maß die Europäische Union dabei hineinregieren dürfe, theorisiert und verwässert. Die Zeit ist darüber hinweggegangen. Im Internet lassen sich viele Schranken spielend leicht umgehen, und das wird sich auch nicht ändern.

          Der neue Glücksspielstaatsvertrag trägt dieser Entwicklung endlich Rechnung. Er setzt auf die Bereitschaft der privaten Betreiber, sich bis zu einem gewissen Maß staatlicher Aufsicht zu unterwerfen, und gewährt im Gegenzug mehr Gestaltungsfreiheit, als vor ein paar Jahren vorgesehen war. Vielleicht wird doch noch alles gut.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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