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Kelten auf dem Glauberg : Met für die Geselligkeit, Mistel gegen Geschwüre

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Von früher: Keltische Gerätschaften zum Kochen und Essen aus Holz, zu sehen auf dem Glauberg Bild: Rainer Wohlfahrt

Ob sich die Kelten wirklich Gelagen hingaben, wie Zeitgenossen behaupteten, ist offen. Sicher ist, dass sie sich abwechslungsreich ernährten und auch in der Heilkunde versiert waren, wie eine Schau auf dem Glauberg zeigt. Von Wolfram Ahlers

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          „Sie speisen alle sitzend, aber nicht auf Stühlen, sondern auf dem Boden, mit Wolf- und Hundefellen als Unterlage. Neben dem Tisch stehen die Herde, wo ein starkes Feuer brennt zwischen den Kesseln und Bratspießen, die mit großen Stücken Fleisch vollgesteckt sind.“ So beschreibt der griechische Chronist Diodor Tischsitten der Kelten und womit sie ihren Hunger stillten. Auch die Trinkgewohnheiten wusste der Geschichtsschreiber im ersten Jahrhundert vor Christus anschaulich zu beschreiben: „Sie gießen den Wein (. . .) unvermischt hinunter und nehmen das Getränk, dem sie so ergeben sind, im Übermaß zu sich, bis sie berauscht in Schlaf versinken oder in einen Zustand des Wahnsinns geraten.“

          Ob die Kelten sich Gelagen mit kostbarem Wein hingaben und große Fleischmengen verzehrten, daran hegen Historiker Zweifel. Denn von den Kelten selbst ist zu Speiseplänen und Tafelgewohnheiten nichts überliefert. Gleichwohl ist es zuletzt gelungen, anhand neuer Funde und mit besseren wissenschaftlichen Methoden ein Bild zu zeichnen, wie sich das in vielerlei Hinsicht immer noch rätselhafte Volk vor gut 2000 Jahren ernährte.

          Zentren keltischer Besiedlung

          Mit dem Titel „Mahlzeit“ widmet sich das Museum der Keltenwelt am Glauberg diesem Thema und damit erstmals einem Kapitel aus der Alltagsgeschichte dieser Kultur. Grundlage für die Erkenntnisse über Anbau, Viehhaltung, Speisen und Getränke bilden zahlreiche Funde aus der Region. Die Wetterau war eines der Zentren keltischer Besiedlung in Mitteleuropa. Nicht nur der Glauberg, ein Sitz keltischer Fürsten, sondern insbesondere auch die keltische Saline in Bad Nauheim, eine der größten frühgeschichtlichen Salzproduktionsstätten dieser Art in Europa, lieferte bei Ausgrabungen eine Menge aufschlussreicher Relikte, die von Archäologen und Fachleuten für frühgeschichtliche Botanik, Zoologen und Ernährungswissenschaftlern untersucht und ausgewertet wurden. Zu sehen sind rund 70 Exponate, darunter auch einige Leihgaben aus dem baden-württembergischen Hochdorf, wo sich ein weiterer bedeutender Keltensitz auf deutschem Boden befand.

          Bild: F.A.Z.

          Zu sehen sind Fundstücke, die von den handwerklichen Fähigkeiten der Kelten zeugen, wie filigran verzierte Kannen und Trinkhörner, aber auch weniger spektakuläre Exponate wie Reste von Kochgefäßen aus der Nauheimer Saline, die bislang noch nicht ausgestellt worden waren. Zudem erfährt der Besucher, was Forscher aus 2000 Jahre alten Pollen herauslesen, die in Kannen, Schalen und Vorratsgruben entdeckt wurden. Roggen und vor allem Weizen, heute dominierendes Getreide in der Wetterau, kannten die Kelten offenbar noch nicht. Aber andere Sorten, die noch immer oder heute wieder zu den Grundnahrungsmitteln zählen, bauten die Kelten an –, Gerste, Dinkel, Hirse, verarbeiteten sie zu Brot und Brei.

          Früh Schafe und Ziegen gehalten

          Linsen und Ackerbohnen kamen, wohl als Suppen zubereitet, ebenso auf den Tisch wie Äpfel und Birnen, die rund um den Glauberg wuchsen. Die Kelten ernährten sich für die damaligen Gegebenheiten durchaus abwechslungsreich, auch Fleisch gehörte dazu. Nachweisen ließ sich anhand von Knochenfunden, dass die Jagd nach Wild für die Kelten zwar noch vorrangig war, wenn es um die Beschaffung von Fleisch ging. Es fanden sich aber auch Hinweise, dass die Siedler am Glauberg begonnen hatten, Schafe und Ziegen sowie Schweine zu halten. Gleichwohl, der Konsum von Fleisch war offenbar nicht jedem vergönnt. So ließ sich durch die Analyse von Speiseresten an Gebissen und von Grabbeigaben nachweisen, dass es vor allem höher gestellte Persönlichkeiten waren, die sich hauptsächlich von Braten und mit Salz haltbar gemachten Keulen und Lenden ernährten. Dieses Privileg wurde ihnen auch beim Wein zuteil.

          Dass in der Gegend, deren Klima den Rebenanbau nicht zuließ, überhaupt Wein ausgeschenkt wurde, belegt zudem, dass die Kelten weitreichende Handelsbeziehungen pflegten. Wovon auch Nachweise von Gewürzen aus Mittelmeerregionen zeugen. Ansonsten war es Honig, der nicht nur den täglichen Speiseplan versüßte, sondern auch als Grundlage für Met diente, der einfach herzustellen war und offenbar zum populären alkoholischen Getränk wurde. Jedenfalls lässt sich das aus der Vielzahl von Honigweingefäßen schließen, die im Boden ehemaliger keltischer Siedlungen gefunden wurden.

          Blätter, Kräuter und Wurzeln bis heute beliebt

          Beachtliches Wissen hatten sich die Kelten in der Heilkunde angeeignet. Wie aus Aufzeichnungen etwa von römischen Gelehrten hervorgeht – und was Funde bestätigten –, verwendeten die Kelten pflanzliche Arzneien, wenn es darum ging, Krankheiten und Leiden zu heilen oder zumindest zu lindern. Nicht wenige der Blätter, Kräuter und Wurzeln haben auch in der Naturheilkunde unserer Tage ihren Platz. Besonders angetan hatte es den Kelten die Mistel, beispielsweise bei Krämpfen und Geschwüren zeigte sie offenbar große Wirkung.

          Dieses Gewächs galt ihnen sogar als heilig, wie antike Autoren notierten. Darstellungen von Herrschern mit Kopfschmuck in Form des Doppelblatts der Mistel scheinen das zu bestätigen. Bei Tierbissen, Vergiftungen und Verdauungsstörungen war Staudensellerie gefragt. Gegen Asthma und Atemnot hatten die Kelten Thymian parat, bei seelischen Beschwerden schworen sie auf Johanniskraut – wie es Mediziner und Patienten auch heute noch tun.

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