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Starker Rückgang : Gläubige kehren der Kirche den Rücken

Suche nach den Ursachen: Volker Jung, Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, ist besorgt wegen der zahlreichen Kirchenaustritte. Bild: dpa

Die beiden großen Kirchen in Hessen verlieren abermals viele Anhänger. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau büßt im Jahr 2019 rund 33.000 Mitglieder ein. Und das Bistum Limburg verzeichnet einen traurigen Rekord.

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          Die beiden großen Kirchen in der Rhein-Main-Region verlieren weiterhin massiv an Mitgliedern. Nach einer neuen Statistik der Deutschen Bischofskonferenz von Freitag sank die Zahl der hessischen Katholiken im vergangenen Jahr um mehr als 31.000 auf gut 1,36 Millionen. Zu der negativen Entwicklung trugen vor allem die mehr als 19.000 Kirchenaustritte bei. Im Jahr 2018 waren es gut 16.000 gewesen. Ganz oder teilweise auf hessischem Gebiet liegen die katholischen Bistümer Limburg, Mainz und Fulda.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Ähnlich ist die Lage in den evangelischen Landeskirchen Hessen-Nassau und Kurhessen-Waldeck. Auch deren Mitgliederzahlen sind 2019 deutlich zurückgegangen. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau mit Sitz in Darmstadt verlor nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr mehr als 33.000 Mitglieder oder 2,2 Prozent. Damit fällt die größte Religionsgemeinschaft der Region unter die symbolische Marke von 1,5 Millionen Mitgliedern – aktuell hat sie 1,483 Millionen Mitglieder.

          Die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck teilte mit, sie habe binnen eines Jahres knapp 17.000 Mitglieder (rund zwei Prozent) verloren und zähle noch 784.000 Personen. Im Bundesland Hessen gibt es der Evangelischen Kirche in Deutschland zufolge insgesamt gut 2,04 Millionen Protestanten. Die Zahl ist kleiner als die Mitgliederzahlen der beiden Landeskirchen zusammen, weil manche Mitglieder in anderen Bundesländern leben. Stichtag für alle statistischen Daten war der 31. Dezember 2019.

          Limburg besonders betroffen

          Besonders hart hat es das Bistum Limburg getroffen. Dort kehrten so viele Leute der katholischen Kirche den Rücken wie nie zuvor. Nach Angaben der Diözese betrug die Zahl der Austritte 9439. Im bislang schlechtesten Jahr 2013 seien es knapp 8000 gewesen. Damals war das Bistum von Skandalen um den früheren Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst erschüttert worden. Insgesamt ging die Zahl der Kirchenmitglieder auch aus demographischen Gründen um rund 15.000 auf 593.000 zurück. Der Anteil der Gottesdienstbesucher sank ebenfalls, und zwar von 8,9 auf 8,6 Prozent.

          „An den heute vorgelegten statistischen Zahlen 2019 gibt es nichts schönzureden“, sagte der Limburger Bischof Georg Bätzing, der auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz ist. Sie zeigten, dass die Kirche viele Menschen nicht mehr für das kirchliche Leben motivieren könne. Als besonders belastend empfinde er die sehr hohe Zahl an Austritten. „Wir bedauern jeden Kirchenaustritt, und wir laden jeden, der gegangen ist oder gehen will, ein, mit uns zu sprechen.“ Bätzing sprach von einer „Erosion persönlicher Kirchenbindung“. Nötig seien „mutige Veränderungen“. Die katholische Kirche habe erheblich an Glaubwürdigkeit verloren und müsse versuchen, diese zurückzugewinnen.

          Aus der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau traten im vergangenen Jahr mehr als 21.000 Protestanten aus; im Vorjahr waren es 18.400 gewesen. Kirchenpräsident Volker Jung sagte: „Jeder Kirchenaustritt ist ein großer Verlust und schmerzt alle.“ Er sehe in der neuen Statistik große Herausforderungen.

          Viele offene Fragen

          Die gestiegenen Austrittszahlen werfen nach seinen Worten „viele Fragen auf“. Ein Patentrezept gebe nicht. Der Mitgliederverlust habe vielfältige Ursachen. Ein Grund dafür, dass immer mehr Mitglieder die Kirche verließen, sei vermutlich „die zunehmende Abkehr von großen Institutionen und deren Bindungskraft“, sagte Jung. Zugleich sehe er die evangelische und die katholische Kirche „medial und in gesellschaftlichen Debatten großem Druck ausgesetzt“. Als Beispiel nannte er die Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt, die 2019 oft die Schlagzeilen beherrscht und in allen Kirchen die Glaubwürdigkeit angetastet habe.

          Auch im Bistum Mainz stieg die Zahl der Austritte, und zwar von rund 8400 im Jahr 2018 auf 9936 im Jahr 2019. Wie in Limburg ist dies ein Rekordwert. Insgesamt verlor die Diözese gut 16.000 Mitglieder. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf nannte die Zahlen bedrückend. Es gebe viele Austrittsgründe: innere Entfremdung, persönliche Enttäuschung, Empörung über Skandale und Ärger über die Position der Kirche bei Themen wie Frauenordination, Homosexualität und Zölibat.

          Im Bistum Fulda gab es ebenfalls mehr Austritte: Nach knapp 3200 im Jahr 2018 verzeichnete die Diözese gut 3700 im vergangenen Jahr. Generalvikar Christof Steinert sagte: „Jede einzelne Person schmerzt, die sich aus der Gemeinschaft der Kirche abmeldet.“ Die kurhessische Landeskirche mit Sitz in Kassel teilte mit, die Austrittszahlen seien von 6800 auf knapp 8300 gestiegen.

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