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Gießener Juristin erforscht „Ehrenmorde“ : Auf der Suche nach dem Bösen

Erforscht, warum Menschen um der „Ehre“ willen morden: Carina Agel Bild: Rainer Wohlfahrt

Immer wieder werden junge Frauen vor allem muslimischen Glaubens von Angehörigen getötet, weil sie sich etwa zu westlich geben. Eine Gießener Juristin erforscht, warum Menschen um der „Ehre“ willen morden.

          2 Min.

          Als die junge Afghanin Morsal Obeidi 2008 in Hamburg auf offener Straße von ihrem Bruder mit 20 Messerstichen getötet wurde, stand Carina Agel gerade vor ihrem ersten juristischen Staatsexamen. Sie fragte sich, wie es sein könne, dass eine junge Frau von ihrer eigenen Familie umgebracht werde, nur weil den Angehörigen ihr Lebensstil nicht gefiel. Aufmerksam verfolgte die Studentin fortan alle Berichte über Bluttaten im Namen der „Ehre“. Und als Agel beschloss, eine Doktorarbeit zu schreiben, war das Thema schnell gefunden.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Seit Februar ist die 29 Jahre alte Juristin wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kriminologie der Universität Gießen und gilt inzwischen als Expertin für die Hintergründe von Ehrenmorden. In ihrer Dissertation, die nun als empirische Studie in Buchform vorliegt, hat sie sich auf hessische Mordfälle konzentriert, die sich zwischen 1982 bis 2010 ereigneten. Dabei fand sie heraus, dass viele Tötungsdelikte, die bei den Staatsanwaltschaften als „Ehrenmorde“ geführt wurden, gar keine waren, sondern strenggenommen „nur“ Beziehungstaten.

          Das „kollektivistische Ehrverständnis“

          Unter den 22 von ihr untersuchten Verbrechen waren 16, die für Agel die Kriterien eines Ehrenmordes erfüllten - nämlich Fälle, in denen die Tochter, Schwester oder Ehefrau umgebracht worden ist, weil sie sich dem Willen ihrer Familie auf unterschiedliche Weise widersetzt hatten. Agel definiert den Begriff des Ehrenmordes enger als die Polizei. Laut Bundeskriminalamt handelt es sich bei Ehrenmorden „um Tötungsdelikte, die aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbandes verübt werden, um der Familienehre gerecht zu werden“.

          Nach Agels Auffassung muss jedoch unterschieden werden zwischen tatsächlichen Ehrenmorden und Tötungen in Paarbeziehungen, wie sie auch von Tätern außerhalb von patriarchalischen Gesellschafts- und Familienstrukturen begangen werden. „Nicht bei jedem Tötungsdelikt, das von einem Mann mit Migrationshintergrund an seiner Tochter, Schwester oder Partnerin begangen wird, handelt es sich um einen Ehrenmord“, meint die Juristin. Bei Morden in Paarbeziehungen fehle das „kollektivistische Ehrverständnis“. Während sich in diesen Fällen der Täter lediglich in seiner eigenen Ehre verletzt fühle, gehe es bei echten Ehrenmorden um die Familie.

          Dass sich die Mittelhessin einmal mit derart abgründigen Kriminalitätsformen befassen würde, hätte sie zu Beginn ihres Jurastudiums nicht gedacht, wie sie sagt. Aber im Lauf der Zeit habe sie Gefallen gefunden an der Frage, was Menschen zu Tätern werden lässt, und an der Suche nach dem „Bösen“, das wohl in jedem Menschen steckt. Daher verlegte sie ihren Studienschwerpunkt auf die Kriminologie.

          Arbeit in Polizeibehörde? Möglich!

          Derzeit analysiert Agel Amok-Drohungen an Schulen - das ist einer der Forschungsschwerpunkte ihrer Doktormutter, der Kriminologin und Jura-Professorin Britta Bannenberg. Aber das Thema Ehrenmord treibt sie weiterhin um. Es gebe noch eine ganze Reihe an Forschungsansätzen, sagt sie. So etwa die Rolle der Mütter, die oft Mittäter und mitunter sogar die treibende Kraft des Verbrechens seien. Ein Fall sei ihr besonders in Erinnerung geblieben: Eine Mutter hatte ihre Tochter, die vor der Familie geflohen war, unter einem Vorwand wieder nach Hause gelockt. Dort wurde die Tochter dann vom Vater und Bruder massiv misshandelt. „Die Mutter war dabei, hat die Tochter sogar selbst getreten, obwohl diese die Mutter um Hilfe anflehte. Am Ende war es die Mutter, die den Vater aufforderte, die Tochter umzubringen.“

          Agel könnte sich vorstellen, später in einer größeren Polizeibehörde zu arbeiten, wie sie sagt. Erfahrung hat sie schon: Das Referendariat hat sie unter anderem ins hessische Landeskriminalamt nach Wiesbaden geführt, ebenso zum Bundeskriminalamt. Die Arbeit dort, sagt Agel, sei spannend gewesen. Man sei „mittendrin“.

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