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Gewalt in Flüchtlingsheimen : „Ein ganzes Konglomerat an Bedrohungen“

Verdächtig: Nach einer Massenschlägerei in einer Unterkunft in Kassel hat die Polizei eine Reihe von Beteiligten festgesetzt. Bild: dpa

Hilfsorganisationen beklagen Gewalt gegen Frauen und Christen in Flüchtlingsheimen. Doch was spielt sich in hessischen Unterkünften ab?

          Die junge Frau, die vor zwei Wochen in einer Mainzer Flüchtlingsunterkunft mit kochend heißem Wasser übergossen wurde, war erst 18 Jahre alt. Der mutmaßliche Täter war ihr Ehemann, er hatte sie nicht nur mit der heißen Flüssigkeit verletzt und entstellt, sondern schlug und trat ihr auch gegen den Kopf. Der 24 Jahre alte Afghane sitzt in Untersuchungshaft, und wenn er gefragt wird, warum er das getan hat, schweigt er. Weder der Polizei noch dem Haftrichter gegenüber machte er irgendwelche Angaben. Nach den Worten der Staatsanwaltschaft Mainz ergeben sich jedoch „Gründe für die Annahme, dass Eifersucht als Tatmotiv in Betracht kommen könnte“. Anscheinend wollte sich die Frau von ihrem Mann trennen.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nicht erst seit diesem Fall wird darüber diskutiert, ob es in Flüchtlingsunterkünften ein strukturelles Problem mit Gewalt gibt. Dem hessischen Innenministerium liegen Lagebilder vor, die zumindest Aufschluss über die Zahl von Polizeieinsätzen in den Unterkünften geben.

          Wiederholt Gewalt gegen Frauen

          Für 2015 hat das hessische Innenministerium zum Beispiel 27 Fälle von sexuellen Übergriffen auf Frauen registriert, wovon bis auf einer alle aufgeklärt sind. Offizielle Angaben für dieses Jahr gibt es noch nicht. Aus Polizeikreisen ist jedoch zu hören, dass allein im ersten Quartal schon 15 solcher Taten gezählt wurden.

          Ein Sprecher verweist aber darauf, dass es noch zu früh sei, um zu beurteilen, ob die Gewalt unter Flüchtlingen zu- oder abgenommen habe. Ungeachtet dessen beklagen Menschenrechtsorganisationen, dass viel zu wenig unternommen werde, um einen Einblick in die Unterkünfte zu bekommen.

          Wer sind die Täter, wer die Opfer? Welche Rolle spielen Herkunft und Religion der Flüchtlinge? Erst vor wenigen Tagen hat die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) die Zustände in vielen Unterkünften beklagt, weil es dort wiederholt zu Gewalt nicht nur gegen Frauen gekommen sei, sondern auch gegenüber männlichen Flüchtlingen, die keine Muslime sind oder aber die Religion nicht so streng praktizieren.

          Behörden sähen nur „Spitze des Eisbergs“

          „Die Atmosphäre in Aufnahmeeinrichtungen verschlechtert sich dramatisch, sobald dort Gebetsräume entstehen und regelmäßig öffentliche Gebete durchgeführt werden“, schreibt die IGFM, die sich auf Berichte von Christen und Jesiden in den Unterkünften beruft. Demnach sei es Islamisten möglich, „einen Gruppenzwang aufzubauen, denen die übrigen Flüchtlinge in den beengten Unterkünften nicht entrinnen können“. Das gehe so weit, dass sich Islamisten auf religiöse Speisevorschriften beriefen und „unreinen Ungläubigen“ den Zugang zu Kühlschränken und Kochmöglichkeiten verweigerten. Die IGFM nennt vor allem Notunterkünfte in Berlin. „Aber auch in Hessen gibt es Missstände“, sagt der Vorstandssprecher der Organisation, Martin Lessenthin.

          Die Behörden, sagt er, sähen nur „die bekannte Spitze des Eisbergs“. Die Probleme seien so vielfältig, es gebe inzwischen „ein ganzes Konglomerat an Bedrohungselementen“. Das fange beim Sicherheitspersonal an, das in der Regel aus jungen muslimischen Männern bestehe und zu dem Frauen, die Opfer von Übergriffen geworden seien, keinen Zugang hätten. Auch die Dolmetscher würden oft nicht gut ausgewählt. Es gebe Fälle, so Lessenthin, da hätten sich Übersetzer als fundamentalistische Muslime entpuppt. Wenn es dann zu sexuellen Übergriffen gekommen sei, würden Sachverhalte falsch übersetzt.

          Polizisten stoßen auf eine „Mauer des Schweigen“

          Dass es in den Erstaufnahmeeinrichtungen immer wieder zu Übergriffen und anderen Gewalttaten kommt, berichten auch Polizisten. „Vieles geschieht im Verborgenen, in den späten Abendstunden und nachts“, sagt der Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft, Heini Schmitt. Werde die Polizei gerufen, sei es schwer festzustellen, was tatsächlich geschehen sei. Viele Flüchtlinge hätten wegen der Erfahrungen in ihren Heimatländern kein besonders gutes Bild von der Polizei. Man stoße mitunter „auf eine Mauer des Schweigens“. Viele Polizisten stellten oft fest, dass sich die Konflikte fast immer um dieselben Themen drehten. Sehr oft komme es zu Gewalttaten, weil es unterschiedliche religiöse Auffassungen gebe. „Die kulturelle und religiöse Prägung spielt eine ganz relevante Rolle.“

          Auf die Situation christlicher Flüchtlinge in Unterkünften hatte jüngst auch die in Kelkheim ansässige Organisation Open Doors aufmerksam gemacht. Sie widmet sich vor allem der Lage verfolgter Christen in aller Welt und erstellt regelmäßig Berichte darüber. Von Mitte Februar bis Mitte April hat Open Doors 231 Bewohner mehrerer Flüchtlingsheime in mehreren Bundesländern befragt. Knapp die Hälfte von ihnen wohnt in Berlin.

          Schikane auch vom Wachpersonal

          Die Befragten berichten zum Beispiel von Beleidigungen, Körperverletzung, Todesdrohungen gegen die eigene Person und/oder die Familie. Dazu kommen Schläge und sexuelle Übergriffe. Die meisten gaben an, von anderen Flüchtlingen attackiert worden zu sein, viele sagen, sie würden aber auch vom Wachpersonal schikaniert.

          Open Doors fordert unter anderem, Unterkünfte so zu belegen, dass es zu einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen Muslimen und Angehörigen religiöser Minderheiten kommt, mehr Nichtmuslime als Wachpersonal zu beschäftigen und Vertrauenspersonen christlichen Glaubens für von Verfolgung betroffene christliche Flüchtlinge bereitzustellen. Open Doors will mit anderen Organisationen weiter Daten zur Situation von Christen in Flüchtlingsheimen sammeln.

          In Frankfurt wird dem Sozialdezernat zufolge an Standards für den Schutz vor Gewalt in Flüchtlingseinrichtungen gearbeitet. Diese Richtlinien sollen vor allem Kindern und Frauen zugutekommen, aber auch dabei helfen, religiös motivierter Gewalt entgegenzutreten.

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