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Rhein-Main : Gezieltes Crowdfunding für die Region

Alexandra Paterle ist der Meinung, dass man gerade in der Region die digitale und die reale Welt verbinden kann. Bild: Frank Röth

Crowdfunding-Anbieter versuchen seit einigen Jahren den Anlagenotstand zu lösen. Auf ihnen können sich Projekte vorstellen und von Kleinanlegern Geld einwerben.

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          Zehn Jahre dauert die Niedrigzinsphase inzwischen schon, ein Ende ist nicht abzusehen. Zehn Jahre, in denen Millionen Anleger und Sparer sich den Kopf darüber zerbrechen, wie sie mit ihrem Geld mehr Rendite bekommen können als einen Nullzins. Und zehn Jahre, in denen das Vertrauen in Banken und ihre Anlagekompetenz stetig gesunken ist.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Diesen Anlagenotstand versuchen seit einigen Jahren Crowdfunding-Anbieter wie Startnext, Fundernation oder Kickstarter zu lösen. Auf ihnen können sich Projekte vorstellen und von Kleinanlegern Geld einwerben. Als Gegenleistung bieten diese Initiativen alles Mögliche an, von kleinen symbolischen Geschenken bis hin zu einer echten Gewinnbeteiligung. Manche sind sehr breit aufgestellt, andere haben sich etwa auf Gesundheitsthemen (Aescuvest), Nachhaltigkeit (Bettervest) oder auch auf Privatkreditvermittlung (Giromatch) spezialisiert.

          Nachteil: Die Projekte sind meistens über die ganze Welt verteilt

          Nach Ansicht von Alexandra Partale haben all diese Anbieter jedoch einen Nachteil: Selbst wenn viele von ihnen ihren Sitz in Rhein-Main haben, sind deren Projekte meist über die ganze Welt verteilt. Investoren könnten sich daher wenig mit ihnen identifizieren. Diesen Mangel wollen die 47 Jahre alte Hofheimerin Partale und ihr Geschäftspartner Dennis Darko beheben. Funktionieren soll das mit Hilfe ihrer Plattform Place2Help Rhein-Main, die in dieser Woche ans Netz ging. „Gerade in der Region kann man ideal die digitale Welt mit der realen Welt verbinden.“

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          18 Projekte sind bereits zum Start auf der Internetseite zu finden, darunter eine geplante Wohngenossenschaft in Mainz, ein Online-Vertrieb für Frankfurter Geschäfte und eine Initiative, die nahe Rüsselsheim einen Bioacker erwerben und bewirtschaften will. Fast alle Projekte haben ein soziales, integratives oder ökologisches Ziel, nicht nur die finanzielle Rendite. „Unser Ziel ist es, Akteure vor Ort zu vernetzen“, sagt Partale.

          Ihr Vorbild ist die gelbe Luchtsingel-Brücke in Rotterdam, das Resultat einer regionalen Crowdfunding-Finanzierung. Die 390 Meter lange Fußgängerbrücke aus Holz verbindet heute den Rotterdamer Hauptbahnhof mit dem Norden der Stadt und führt über mehrspurige Zubringerstraßen. 8000 Geldgeber hatten 2012 jeweils mindestens 25 Euro gezahlt, ihre Namen sind nun auf den Holzplanken nachzulesen. Die Initiatoren des Projektes, zwei Architekten, sagen, es sei ihnen nicht nur um das Geld gegangen. Es sei auch gelungen, Anwohner als Unterstützer für ein städtebaulich stark debattiertes und lange umstrittenes Projekt zu gewinnen.

          Auf ein Ausfallrisiko wird deutlich hingewiesen

          Dass es in Deutschland bereits mehrere etablierte Crowdfunding-Plattformen gibt, hält Partale nicht für einen Nachteil, im Gegenteil. Die Projekte wickeln die Geldsammlung nicht direkt über ihr Portal Place2Help ab, sondern über bereits bekanntere Plattformen wie Startnext aus Dresden oder Bettervest in Frankfurt, die schon eine größere Bekanntheit haben und mehr potentielle Geldgeber erreichen. Ihr Angebot sei eine Meta-Plattform, sagt Partale darum, sie bündele und bewerbe gezielt die Angebote aus Rhein-Main. Der Vorteil für sie: Um die technische Entwicklung und um Haftungsauflagen müssen sich nicht Partale und Darko, sondern die Betreiber der anderen Plattformen kümmern. Beim Crowdfunding handelt es sich um Finanzierung auf dem weniger regulierten Grauen Kapitalmarkt. Meist handelt es sich um Nachrangdarlehen, bei denen die Anleger leer ausgehen, wenn das Projekt pleitegeht. Die Anbieter-Plattformen weisen auf dieses Ausfallrisiko deutlich hin.

          Doch nicht nur strukturell unterscheidet sich Partales Portal von den Konkurrenten, sondern auch was ihre Finanzierung betrifft. Üblicherweise finanzieren sich die Plattformen meist dadurch, dass sie von den Projektanbietern einen Teil der eingeworbenen Summe als Provision sowie Verwaltungsgebühren kassieren.

          Zur Finanzierung ihres Portals setzt Partale nicht auf Entgelte oder Provisionen, sondern zum einen auf Geld von Kommunen und Sponsoren in Rhein-Main, die Start-ups und Projekte in der Region unterstützen wollen. Als Gründungspartnern nennt sie daher die Städte Wiesbaden und Mainz, den Main-Taunus-Kreis, die IHK-Initiative „Zukunftsregion Frankfurt/Rhein-Main“ und Unternehmen wie die Taunus-Sparkasse. Zum Anderen bietet sie den Projekten Beratungsdienstleistungen an. Eine Hilfe, die sie selbst zu wenig genutzt hat: „Wenn wir noch mal starten würden, würden wir vorhandene Beratungsangebote noch stärker nutzen und uns noch intensiver mit Experten und Interessierten austauschen.“

          Die Zeit sei gut investiert, denn gerade am Anfang könnten falsche Entscheidungen sehr teuer sein. Die frühere Tourismusberaterin und der Unternehmensberater hatten sich seit 2015 in München zunächst an einer echten Crowdfunding-Plattform für regionale Projekte versucht. Weil das aber nicht wirklich funktionierte, haben sie ihr Konzept schließlich zu einer Meta-Plattform weiterentwickelt.

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