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Hessische Gewerkschaft : Verdi straft seine Führung ab

Wegweisend: Geht es mit Verdi in Hessen künftig bergauf oder bergab? Bild: dpa

Die hessische Gewerkschaft Verdi ist mit ihrer Spitze unzufrieden. Das dürfte an den Strukturreformen liegen – und einem Burkaverbot.

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          Die Gewerkschaft Verdi macht den Modernitätstest: „Nun stehen alle mal auf, die heute schon Whatsapp genutzt haben“, ruft ein Delegierter die Anwesenden gestern bei der Landesbezirkskonferenz auf. Fast alle der knapp 200 Gewerkschafter im Kongresscenter der Lufthansa in Seeheim-Jugenheim erheben sich. „So, und wer war heute im Mitgliedernetz?“ Nur vier bleiben stehen. Das sei das Problem, sagt der Delegierte: Die Gewerkschaft sei noch nicht auf die digitale Zeit eingestellt.

          Falk Heunemann

          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es herrscht Unruhe in Hessens zweitgrößter Gewerkschaft. Das mag merkwürdig erscheinen in Zeiten, in denen Verdi regelmäßig mit Protestzügen durch Hessen zieht und in den verschiedenen Branchen deutliche Lohnsteigerungen durchsetzt. Verdi-Bundesvorsitzender Frank Bsirske zählt auf: Lohnsteigerungen bei Geldtransportern, erstmals Ausbildungsvergütungen im Uni-Klinikum Gießen-Marburg, Warnstreiks in der Papierindustrie, Verhandlungen im öffentlichen Dienst und mit Banken. „Und damit ist das Jahr erst eingeläutet.“ Es ist Bsirskes einstündige Abschiedsrede in Hessen, denn im Herbst tritt er ab. „Gemeinsam mehr raushandeln für alle“, das sei das Prinzip Gewerkschaft, sagt er.

          Blick auf Mitgliederentwicklung

          Doch Verdi steckt im Umbruch. Viele Betriebe entziehen sich der Tarifbindung, Arbeitnehmer unter 40 Jahren scheuen die Mitgliedsbeiträge. Allein in den vergangenen vier Jahren hat der Landesbezirk netto mehr als 6000 Mitglieder verloren, aktuell sind es noch 162.000. Und das, obwohl es zugleich in Hessen so viele Beschäftigte gibt wie nie zuvor. „Da gibt es nichts zu beschönigen“, sagt Landeschef Jürgen Bothner zu den Delegierten mit Blick auf die Mitgliederentwicklung.

          Verdi müsse wieder stärker werden, sagt der Vorsitzende, der seit 2004 im Amt ist. Gestern wurde er für weitere vier Jahre bestätigt, jedoch nur mit 67 Prozent der Stimmen von 103 Delegierten, und das ohne Gegenkandidaten. Viele kritisieren die Burkaverbot-Klausel, die Verdi-Landeschef Bothner vor zwei Jahren im Tarifvertrag mit dem Land Hessen akzeptiert hatte. „Tarifverträge sollen objektive Probleme lösen und nicht pure Fiktionen tarifieren“, heißt es in einem der Anträge an die Delegiertenkonferenz. Ähnlich abgestraft wurde aber auch seine alte und neue Stellvertreterin Cornelia Kröll, während die für Finanzen verantwortliche Vizevorsitzende Angelika Kappe bei ihrer Wiederwahl 97 Prozent erhielt.

          Nicht ewig so weitergehen

          Der Mitgliederrückgang schlägt sich noch nicht in den Finanzen nieder, Kürzungen drohen bislang nicht. Die Einnahmen sind wegen der Lohnsteigerungen sogar leicht auf 40,1 Millionen Euro gestiegen – der Beitrag beträgt ein Prozent des Bruttolohns.

          Doch das wird nicht ewig so weitergehen. Die Gewerkschaft hatte darum beschlossen, dass die 13 Fachbereiche, in der sie seit der Fusion von fünf Einzelgewerkschaften im Jahr 2001 organisiert ist, auf nur noch vier reduziert werden. Das soll Kosten sparen. Zugleich sollen Gewerkschaftssekretäre von der häufig nachgefragten Rechtsberatung entlastet werden, damit sie sich in Betrieben stärker inhaltlichen Themen widmen können. Für die Sekretäre, die meist aus Betriebsräten kommen, soll es überdies künftig ein 18 Monate dauerndes Traineeprogramm geben, damit sie modernes Management lernen. Und dann sollen auch noch Prozesse, Verfahren und die Mitgliederarbeit stärker digitalisiert werden. Wie weit diese Strukturreformen gehen sollen, darüber gibt es geteilte Meinungen. „Die Antwort kann nicht sein, dass wir Diskussionen ins Internet verlagern“, sagt Landeschef Bothner. Allerdings müsse man das Analoge und Digitale stärker verzahnen. Das sieht der Delegierte Björn Wolf, der die Smartphone-Nutzung von den Anwesenden abgefragt hatte, anders: „Wenn Digital Natives zu uns kommen und sehen, was wir machen, dann lachen sie doch laut“.

          Komplette Auflösung der Fachbereiche

          Mehr als 230 Anträge wurden vor der Landesbezirkskonferenz eingereicht, damit die Delegierten sie diskutieren und als Beschluss an den Bundeskongress weiterreichen. Zwar sind längst nicht alle davon umstritten. Doch in vielen geht es um die Organisationsreform. Einige Delegierte fordern die komplette Auflösung der Fachbereiche, um so die Landesbezirke zu stärken. Es geht aber auch um den Kern der Gewerkschaft, die Tarifpolitik.

          Manche kritisieren etwa, dass Verdi prozentuale Lohnerhöhungen durchsetzt und davon höhere Lohngruppen stärker profitierten als Geringverdiener. Stattdessen solle es nur noch Festbeträge geben, also zum Beispiel 300 Euro für jeden. Auch die Mitgliedschaft soll sich wieder lohnen: Wer Verdi angehört, solle künftig in Tarifverträgen einen Bonus erhalten. Andere Delegierte plädieren für eine stärkere Abgrenzung nach rechts. In einigen Anträgen wird der Ausschluss von AfD-Mitgliedern verlangt.

          Die AfD sei „bekloppt“ und „gemeingefährlich aus Ahnungslosigkeit“, sagte Verdi-Bundeschef Bsirske, und verwies auf deren Beschluss, den Euro gegen die D-Mark einzutauschen. Verdi dagegen sei proeuropäisch. Und das sollten die Mitglieder auch bei der Europawahl zeigen.

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