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Mittelalterliche Gewänder : Zeitreise mit Nähnadel

  • -Aktualisiert am

„Keine Billigstoffe aus China“: Wintermäntel Reichelsheimer Art Bild: Wolfgang Eilmes

Für Rollenspieler und Freunde opulenter Partykleidung: In Reichelsheim finden sie ihre Kleidung, in Sylvie Amends Gewandschneiderei.

          4 Min.

          Sylvie Amend lebt im Hier und Jetzt. Sie schaut auch gerne zurück und hilft anderen dabei, das ebenfalls zu tun. In ihrem Atelier „Die Gewandschneider von Avalon“ im Wetteraustädtchen Reichelsheim und auch online bietet die Siebenundvierzigjährige Mittelalter- und Fantasyfans alles, was deren Herz begehrt: Gewänder und Schuhe, Gürtel und Kopfbedeckungen, Schmuck und Schleier und Schwerter.

          Wer den Ausstellungsraum betritt, dem verschlägt es erst einmal die Sprache. Die Verkaufsfläche ist 500 Quadratmeter groß, es sind zwei Etagen in einer 15 Meter hohen Scheune aus dem Jahr 1890, die Amend hat sanieren lassen. Nichts ist von der Stange, fast alles ist aus Holz gearbeitet, alles hat eine Geschichte. Der Sockel der zentralen, ausladenden, vier Meter hohen Treppe stammt von einer 1000 Jahre alten Eiche, die Stufen stammen von einer 300 Jahre alten Brücke aus Norddeutschland.

          Inspiriert von „Game of Thrones“

          Das eiserne Geländer hat ein Kunsthandwerker aus Polen geschmiedet. Ein abgestorbener Baum trägt die Decke des Anbaus am Westgiebel. Was Amend lapidar den Windfang nennt, ist ein zwölf Meter hoher, gut zwei Meter durchmessender, mit Bruchsteinen gemauerter Turm mit einem Kreuzgewölbe. „Der Architekt kam mit der Fülle von Ideen nicht immer mit“, sagt Amend lächelnd, sie sieht stolz aus dabei.

          In die Scheune integriert, abgetrennt nur durch eine Glasscheibe, ist Amends Atelier. Hier fertigt sie, zusammen mit einer Angestellten, Kleider, wie sie früher einfache Mägde trugen, Leibhemden, wie sie die Ritter überstreiften, Gewänder, wie sie dem Adel im Hochmittelalter gefielen. Dafür sitzt sie auch mal bis 2 Uhr morgens an der Nähmaschine. Sie verarbeitet vor allem Leinen, feine Wolle, Brokat. „Billiges Zeug aus China, das vielleicht auch noch von Kindern produziert wird“, komme ihr nicht ins Haus, sagt sie.

          Die Inspiration für die Gewänder findet Amend meist in alltäglichen Dingen, indem sie sieht, was aus ihnen werden könnte, manchmal auch in Serien und Filmen wie „Game of Thrones“ und „Der Herr der Ringe“. Ihre Kunden teilt sie in vier Hauptgruppen ein: zweite Hochzeit im Alter, „Reenacter“ (Leute, die versuchen, das Mittelalter authentisch nachzustellen), Live-Rollenspieler (meist Fantasy wie in „Herr der Ringe“ oder angelehnt ans Mittelalter) und „Steampunks“ (Untergruppe der Science-Fiction, ästhetisch inspiriert von den Dampfmaschinen des 19. Jahrhunderts). Mit Karnevalskostümen hat Amend nichts am Hut. „Ich will Menschen individuell gewanden, nicht kleiden. Und schon gar nicht verkleiden“, sagt sie.

          „Das passt überhaupt nicht“

          Das hört sich nach einer kostspieligen Angelegenheit an. „Mitnichten“, beteuert Amend. „Einsteiger können mit unter 200 Euro klarkommen. Die teuerste Einzelausstattung bisher kostete 2500 Euro. Normal sind bis 700 Euro. Ein Brautpaar muss in der Regel mit 1500 bis 3000 Euro rechnen. Für beide.“ Im Mittelalter seien Brautkleider übrigens traditionell grün gewesen, fügt sie hinzu. Bei der zweiten Hochzeit im Alter komme das gerade wieder in Mode. Dass die Braut weiß trage, gehe auf die englische Queen Elisabeth I. (1533 – 1603), die „jungfräuliche Königin“, zurück.

          Faible fürs Mittelalter: Sylvie Amend mit einigen ihrer Kreationen Bilderstrecke

          Die Zufriedenheit ihrer Kunden, die aus nahezu allen gesellschaftlichen Schichten stammen, hat für Amend Priorität. Zunächst macht sie sich ein Bild von ihrem Gegenüber, fragt nach seiner Geschichte und dem Charakter, den er oder sie darstellen will. Das lässt sie auf sich wirken – und tut dann ihre Meinung kund. „Ein Typ ,scheues Reh‘ wird sich als Herrscher mit pompösem Outfit nicht wohl in seiner Haut fühlen“, meint sie. Dabei sorgt ihre offene, direkte Art manchmal für Irritationen. Denn wenn es gar nicht anders geht, sagt sie zur Not auch: „Das passt überhaupt nicht. Das verkaufe ich Ihnen nicht.“ Das sei in den vergangenen 18 Jahren dreimal vorgekommen. In einem Fall sei die Kundin hinausgestürmt, aber nach zwei Wochen sei sie wiedergekommen, habe eingelenkt.

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