https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/gewalttaetige-fussballfans-eskalation-der-gewalt-zu-lange-kleingeredet-11515786.html

Gewalttätige Fußballfans : „Eskalation der Gewalt zu lange kleingeredet“

  • Aktualisiert am
Feuerteufel: Fans des 1. FC Kaiserslautern brennen beim Pokalspiel in Frankfurt Bengalos ab
          3 Min.

          Die Ausschreitungen rund um die Pokalbegegnungen zwischen Eintracht Frankfurt und Kaiserslautern sowie Borussia Dortmund und Dynamo Dresden sind nach Einschätzung des früheren Frankfurter Polizeivizepräsidenten und Offenbacher Polizeipräsidenten Heinrich Bernhardt keine Einzelfälle. Vielmehr seien sie symptomatisch für eine bedenkliche Entwicklung in der Fußballfanszene. Die Statistik belege, dass sowohl die Zahl als auch die Intensität der gewalttätigen Zwischenfälle rund um die Spiele zunehme, meint Bernhardt, der seit deren Gründung 1988 Mitglied der „Sicherheitskommission“ des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) zur Verhütung von Ausschreitungen in den Stadien ist.

          Im Gespräch mit dieser Zeitung plädiert Bernhardt für eine konzertierte Strategie aller für die Sicherheit Verantwortlichen, mit klaren Ansagen an gewaltbereite Fans und einem Katalog von stufenweise zu verschärfenden Sicherheitsvorkehrungen, verbunden mit einem konsequenten Vorgehen gegen die Täter. „Jetzt muss man Zeichen setzen und die Daumenschrauben anziehen.“

          Kein Zugang zum Stadion

          Bernhardt rät zu einem Katalog von Sanktionen, die von Fall zu Fall verschärft, aber auch zurückgenommen werden könnten, wenn sie nachhaltige Wirkung zeigen sollten. Bisher machten sich einige Vereinsobere einer „Appeasement-Politik“ schuldig, die von aggressiven Fans nur als Schwäche interpretiert und schamlos ausgenutzt werde. „Für die gilt das Motto: Reichst du mir den kleinen Finger, dann reiße ich dir die ganze Hand ab.“

          Nach Ansicht von Bernhardt dürfen Personen, die im Vorfeld eines Spiels auch nur ansatzweise Gewaltneigungen erkennen lassen oder gegen das Vermummungsverbot verstoßen, keinen Zugang zum Stadion erhalten, sondern müssen von der Polizei notfalls auch aus einem Pulk von Gleichgesinnten herausgeholt werden. An den Zugängen zu jenen Stadionbereichen, die von den „radikalen Fans“ besucht würden, halte er eine Volldurchsuchung jedes einzelnen Zuschauers für erforderlich. Zum Kanon der von dem ehemaligen Polizeichef ins Auge gefassten Maßnahmen gehört zudem eine Reduzierung der Zuschauerzahl in den problematischen Stadionblöcken. Dann wäre dort Raum genug für uniformierte Polizisten, die sich unter die Fans mischen, sie unmittelbar unter Kontrolle halten und beim Bevorstehen von Gewaltausbrüchen oder beim Abbrennen von Pyrotechnik eingreifen und die Täter dingfest machen könnten, so Bernhardt.

          Keine „Sippenhaft“

          Verbesserungswürdig ist aus seiner Sicht die Videoüberwachung in den Stadien, die dazu genutzt werden müsse, Kriminelle auf frischer Tat zu ertappen. Für wichtig hält er eine bessere Schulung der Stadionsprecher, diese dürften die Stimmung in brisanten Situationen nicht zusätzlich aufschaukeln, sondern müssten deeskalieren, mahnen und warnen. Nichts spreche gegen eine gezielte Ansage nach dem Motto: „Wir haben die Situation in Block G im Blick, und falls dort weiter Feuerwerkskörper abgebrannt werden sollten, wird die Polizei einschreiten.“ Überhaupt, die Kommunikation: Alle möglichen Konsequenzen rechtswidrigen Handelns müssten im Vorfeld klar kommuniziert werden, um Verständnis dafür zu wecken und eine Solidarisierung mit den „Hooligans“ zu verhindern.

          Von dem Vorschlag, die Stehplätze in deutschen Stadien gänzlich abzuschaffen und durch Sitzplätze zu ersetzen, hält Bernhardt nicht viel, weil damit auch die Masse der friedfertigen Zuschauer „in Sippenhaft“ genommen würde. Auch der Verkauf personalisierter Eintrittskarten, wie bei der Fußball-Weltmeisterschaften der Männer 2006 und der Frauen in diesem Jahr üblich, könne nur ein letzter Schritt sein.

          „Das sind schlicht und einfach Kriminelle, die keinerlei Nachsicht mehr verdienen“

          Allzu lange sei diese Eskalation der Gewalt kleingeredet worden, sagt Bernhardt. Einer kleinen Minderheit Uneinsichtiger gelinge es zunehmend, den Fußball in Misskredit zu bringen, auch friedliche Zuschauer zu gefährden und in nicht unbeträchtlichem Maß den Spielbetrieb zu stören. Es falle ihm schwer, bei Menschen, die Steine oder Feuerwerkskörper auf Polizisten oder gegnerische Anhänger schleuderten, von Fans zu sprechen. „Das sind schlicht und einfach Kriminelle, die keinerlei Nachsicht mehr verdienen.“

          Nach Angaben der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze der Polizei hat die Zahl der Strafverfahren rund um Begegnungen der Ersten und Zweiten Bundesliga in den vergangenen zehn Jahren von rund 2700 auf 5800 zugenommen. Seien in der Saison 1999/2000 etwa 5100 Fans festgenommen worden, seien es in der vergangenen Spielzeit schon fast 1000 mehr gewesen. Im selben Zeitraum habe sich die Zahl der verletzten Fans und Polizisten von 209 auf 846 gut vervierfacht, die Zahl der Fälle, in denen Widerstand gegen die Polizei geleistet wurde, stieg nach Angaben der Statistiker von 176 auf 306. Als Konsequenz aus dieser Entwicklung stieg die Zahl der Einsatzstunden, die Polizisten bei Erst- und Zweitligaspielen leisten mussten, von rund einer Million auf mehr als 1,5 Millionen. (Siehe Text auf dieser Seite).

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck

          Robert Habeck : Nur noch 19 Grad in öffentlichen Gebäuden

          Um Energie zu sparen, soll die Temperatur in öffentlichen Einrichtungen gedeckelt und Denkmäler sollen nachts nicht mehr angestrahlt werden. Der Bundeswirtschaftsminister will nun entsprechende Verordnungen auf den Weg bringen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.