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Gewalttätige Fußball-Fans : Deeskalation per Twitter

Das Stadion als Festung: Die Gewalt verlagert sich immer mehr nach draußen. Bild: picture alliance / dpa

Die Frankfurter Polizei geht im Kampf gegen Fan-Gewalt neue Wege. Doch es gibt Anhänger, die sich verweigern. Eintracht-Vorstand Hellmann warnt vor rechten Gruppen.

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          Ausufernde Fan-Gewalt ist auch für die Frankfurter Eintracht ein schwieriges Thema. Beim Europa-League-Spiel in Bordeaux randalierte eine Ultra-Gruppe und überrannte das Kassenhäuschen, vor Weihnachten überfielen gewalttätige Eintracht-Anhänger ein Hotel im Frankfurter Europaviertel, in dem Fans des Europapokalgegners Nikosia wohnten, und zerstörten den Eingangsbereich. „Wir erkennen im Moment den Trend, dass doch der überwiegende Teil der Fans Gewalt und auch Pyrotechnik ablehnt, sich auf der anderen Seite aber Splittergruppen bilden, die nun außerhalb des Stadions gezielt Gewalttaten verüben und sich exzessiv austoben. Wir haben es hier mit einem gesellschaftspolitischen Problem zu tun. Das ist kein Fußball-Phänomen“, sagt Eintracht-Vorstand Axel Hellmann dieser Zeitung.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Hintergrund ist die aufflammende Gewaltdiskussion im deutschen Fußball. Innenminister und Polizeigewerkschaften warnen zum Beginn der Rückrunde vor einer neuen Brutalität. Auch Hellmann sieht es so, dass lange Zeit wohl zu holzschnittartig Pyrotechnik mit Gewalt gleichgesetzt wurde, statt sich dem eigentlichen Gewaltproblem zuzuwenden. In Köln hätte vergangenen Samstag nicht viel gefehlt, und ein Fan wäre an seinen Kopfverletzungen gestorben. Kölner und Schalker Anhänger hatten sich anlässlich eines Testspiels eine Straßenschlacht geliefert.

          „Keinen Respekt vor der Polizei“

          Bei der Frankfurter Polizei befassen sich vier Beamte rund um das Jahr mit gefährlichen Entwicklungen unter den Eintracht-Fans. Diese sogenannten szenekundigen Beamten beobachten verschiedene Gruppen, beschäftigen sich mit neuen Strömungen. Die Polizei in Frankfurt ist daran interessiert, einerseits einen Dialog zu den Problemfans aufzubauen und zugleich auch der großen Mehrheit der friedlichen Anhänger jetzt noch offener gegenüberzutreten. So werden mit der Partie am Samstag gegen Hertha BSC bei jedem Heimspiel Informationen über den Twitter-Kurznachrichtendienst zu den jeweiligen Einsätzen im und am Station sowie bei der Anreise öffentlich vermeldet. Ein Pilotprojekt. Es soll vermieden werden, dass sich über „stille Post“ falsche Nachrichten verbreiten. „Wir wollen unsere polizeilichen Maßnahmen damit für die Fans transparenter machen. Es geht um Deeskalation und Kommunikation“, sagt Ulf Stamer, selbst einer der szenekundigen Beamten und Ermittlungs-Gruppenleiter bei der Frankfurter Polizei.

          Stamer betont, dass die Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen beim Verein „sehr gut“ funktioniere und die Zahl der Strafanzeigen gegen gewalttätige Fans in Zusammenhang mit Eintracht-Spielen nicht zugenommen hätte. „Aber das heißt nicht, dass wir uns zurücklehnen können. Das Thema Gewalt bei Fußballspielen haben wir weiterhin fest im Blick.“ Das zielt in die Richtung der Erkenntnisse des Eintracht-Vorstands Hellmann. Denn es gibt bei der Frankfurter Polizei eben auch Bedenken gegen einzelne Untergruppen der Ultra-Bewegung, die an diesem Standort zu den ältesten und größten in ganz Deutschland gehört. „Es gibt Gruppierungen, die mehr wollen, als nur Fahnen zu schwenken. Diese Leute suchen die Auseinandersetzung mit Gästefans und der Polizei. Die wollen auch nicht mit uns kommunizieren. Das fängt schon bei 14-, 15-Jährigen an“, sagt Stamer. Diese lehnten alle Formen von Obrigkeit strikt ab und blieben bei gemeinsamen Treffen des Fan-Beirats mit der Polizei auch immer fern. „Da gibt es auch keinen Respekt vor der Polizei. Und Fans, die mit uns reden, werden als Spitzel betrachtet“, sagt Stamer.

          Bessere Überwachungskameras

          Die größte Gewaltbereitschaft geht nach Informationen der Polizei in Frankfurt von der Fan-Gruppe „Ultras Never Surrender“ aus (Übersetzung: Ultras geben sich niemals geschlagen). Es handelt sich nach Angaben Stamers um etwa 50 Leute, die bisher weder über Fanprojekte noch über die szenekundigen Polizeibeamten zu erreichen sind. Eintracht-Vorstand Hellmann stellt weitere Bedenken an. „Wir müssen auch in Frankfurt aufpassen, dass sich nicht wie schon an anderen Standorten in Deutschland rechte Gruppen im Fußball einnisten. Das wäre sehr gefährlich. Dort ist das Gewaltpotential noch wesentlich höher“, sagt er.

          Währenddessen hat der Bundesligaklub weiter in Sicherheitstechnik investiert und sieht sich da (anders als derzeit auf sportlichem Gebiet) ganz vorne. Im Stadion gibt es eine neue Leitstelle mit modernster Videotechnik, um Gewalttäter schnell zu identifizieren. Zudem verfügt die Eintracht über eine mobile Videoanlage für die Auswärtsspiele, um Bildbeweise bei Auseinandersetzungen oder Zünden von Pyrotechnik zu sichern. So können Strafen des Deutschen Fußball-Bundes für den Verein beteiligten Tätern später in Rechnung gestellt werden.

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