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Krawall-Kommentar : Solidarität für die Falschen

  • -Aktualisiert am

Zunehmende Verrohrung: Die Übergriffe auf die Polizei mehren sich. Bild: dpa

Auf einem Volksfest in Darmstadt wird die Polizei ohne ersichtlichen Grund von einem aufgebrachten Mob attackiert. Die massenhafte Entgleisung zeigt ein tiefgreifendes Problem unserer Gesellschaft.

          Noch weiß man nicht, was dazu führte, dass tief in der Nacht zum Sonntag junge Männer (und wohl auch junge Frauen) in Darmstadt Flaschen und Steine auf Polizisten warfen. Im Grunde ist es aber auch gleichgültig. Ein „Motiv“ für den Gewaltausbruch wäre so schlimm wie das andere. Hier haben, das lässt sich schon jetzt sagen, wieder einmal Dissoziale ihr Mütchen gekühlt an Repräsentanten des von ihnen verachteten Staates.

          Das eigentlich Erschreckende an den Szenen im Herrngarten ist die Beobachtung, unterschiedliche Gruppen hätten sich „spontan“ gegen die Polizei „solidarisiert“. Als müsse man sich gemeinsam wehren gegen Terror und Willkür. 100 Verdächtige wurden vorübergehend festgenommen. Dabei hatten sich die Beamten die Nacht um die Ohren geschlagen, um auch in diesem Jahr sicherzustellen, dass es auf dem Bürgerfest friedlich bleibt. Angesichts der fortschreitenden Enthemmung bei solchen Anlässen, verstärkt durch den Konsum von Alkohol und Drogen, und nicht nur wegen der Terrorgefahr ist Polizeischutz leider zum Standard geworden.

          Die zunehmenden Übergriffe auf Polizeibeamte, aber auch auf Feuerwehrleute oder Rettungssanitäter kontrastieren dramatisch mit der hohen Wertschätzung, welche diese Berufe im überwiegenden Teil der Bevölkerung genießen. Übrigens auch unter jungen Leuten: Immer mehr Schulabgänger bewerben sich um eine Ausbildung bei der Polizei.

          Man könnte im Gegenschnitt die zunehmenden Attacken ausgerechnet auf jene, die sich um das Wohlergehen anderer sorgen, als weiteres Symptom einer Spaltung der Gesellschaft deuten. Das wäre aber zu viel der Ehre für Chaoten, Hooligans, Autonome, Neonazis. Ihnen ist gemein, dass sie Spaß an Gewalt haben und sich den passenden Anlass dazu suchen.

          Blanker Hass führt zu Übergriffen

          Mag sein, dass eine Verschärfung der Strafe für Angriffe auf Einsatzkräfte, wie sie Hessens Innenminister abermals fordert, einige davon abhält. Viel wichtiger aber ist das Bewusstsein, dass eben nicht meist jugendlicher Übermut zu solchen Attacken führt, sondern blanker Hass.

          Die Justiz muss die fortschreitende Verrohung endlich ernst nehmen. Zu viele Prozesse wegen Landfriedensbruch werden zur Farce gemacht, an deren Ende läppische Strafen stehen. Aber vor allem Mitbürger sind gefordert, in Situationen wie in Darmstadt spontan Solidarität mit denen zu zeigen, die sie schützen und ihnen in der Not helfen sollen. Das wäre das stärkste Zeichen.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

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