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Studie im Auftrag der GEW : So viel arbeiten Lehrer wirklich

Verantwortungsvolle Aufgabe: Seit Beginn der Corona-Krise habe sich die Arbeitsbelastung für Lehrer noch einmal erhöht, meint die GEW. Bild: dpa

Laut einer neuen Arbeitszeit-Studie hat die Belastung der Frankfurter Lehrer stark zugenommen. Viele Pädagogen fühlen sich gestresst, erschöpft und ausgebrannt, wie die GEW beklagt. Die Gewerkschaft hat die Studie in Auftrag gegeben.

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          Jeder fünfte Frankfurter Lehrer arbeitet mehr als 48 Stunden in der Woche. Das ist ein Ergebnis einer Studie, die die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Mittwoch vorgestellt hat. Wie die GEW-Landesvorsitzende Maike Wiedwald sagte, wenden sich immer häufiger Pädagogen mit Beschwerden über ihre Arbeitssituation an die Gewerkschaft. Die Studie bestätige diese praktische Erfahrung nun wissenschaftlich: Zwei von drei Lehrkräften hätten angegeben, dass der Arbeitsdruck im vergangenen Jahr deutlich zugenommen habe. Im Durchschnitt aller Branchen äußere dies nur einer von drei Beschäftigten.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Verantwortlich für die Untersuchung zu Arbeitszeit und Arbeitsbelastung, an der sich rund ein Viertel der 4500 Lehrkräfte in Frankfurt beteiligt hat, ist die Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften der Universität Göttingen. Wie Studienleiter Frank Mußmann sagte, hat sich die Untersuchung an vergleichbaren niedersächsischen Studien aus den Jahren 2015/2016 orientiert. Die Arbeitsbelastung sei vier Wochen lang durch einen umfangreichen, von den Lehrkräften ausgefüllten Online-Fragebogen erfasst worden. Von der hohen Zahl von knapp 1200 Teilnehmern zeigte sich Mußmann überrascht: „Wir konnten so für die Frankfurter Grundschulen, für die Integrierten und die Kooperativen Gesamtschulen sowie die Gymnasien repräsentative Ergebnisse für die Arbeitszeiten ermitteln.“

          Emotionale und körperliche Anforderungen

          Wiedwald sagte, die Belastung, also die Intensität der Arbeit sowie die emotionalen und körperlichen Anforderungen, sei in den Schulen deutlich höher als an anderen Arbeitsplätzen.  Eine große Rolle spielten dabei die außerunterrichtlichen Pflichten. Viele Pädagogen fühlten sich gestresst, erschöpft und ausgebrannt – das veranschaulichten auch die ermittelten, vergleichsweise hohen Burnout-Werte. Als bemerkenswert bezeichnete Wiedwald, dass die Zahl der krankheitsbedingten Fehltage der Lehrer unter dem Durchschnitt aller Branchen liege und die Lehrer andererseits überdurchschnittlich oft krank zur Arbeit gingen. „Auch das spiegelt leider unsere Erfahrungen wider.“

          Sebastian Guttmann vom Vorsitzendenteam der GEW Frankfurt nannte die Studienergebnisse „alarmierend“. Schon die kalkulatorisch zu erbringende Soll-Wochenarbeitszeit – in diesem Fall wird die Jahresarbeitszeit auf die Schulwochen umgerechnet – liege in Hessen mit gut 47,5 Stunden höher als in anderen Bundesländern. Interessant sei auch ein internationaler Vergleich: die hessische Soll-Wochenarbeitszeit übertreffe den Durchschnittswert in der EU und OECD deutlich.

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          Tatsächlich arbeiteten die Lehrer in den Frankfurter Grundschulen, Gesamtschulen und Gymnasien noch länger, so Guttmann unter Berufung auf die Studie. Besonders viele Überstunden fielen an den Kooperativen Gesamtschulen an. Teilzeitkräfte leisteten überproportional Mehrarbeit. Zu bedenken sei, dass die Studie kurz vor dem Lockdown gemacht wurde. Seit Ausbruch der Corona-Krise habe die Arbeitsbelastung für die Lehrkräfte noch einmal deutlich zugenommen.

          Laut Mußmann sollte  beachtet werden, dass die von den einzelnen Lehrkräften angegebenen Stundenzahlen sich stark um den Durchschnittswert streuten. Dies sei kein ungewöhnlicher Befund, vielmehr wiesen alle verfügbaren Arbeitszeiterfassungen von Lehrern eine große Streuung auf. „Überraschend war für uns allerdings, dass immerhin 21 Prozent der Frankfurter Lehrkräfte in Vollzeit tatsächlich mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten.“ Dieser Wert liege noch über dem, der vor einiger Zeit in Niedersachsen ermittelt worden sei. In Frankfurt fielen dabei abermals die Kooperativen Gesamtschulen auf: Dort arbeiteten 37 Prozent der Lehrkräfte 48 Stunden und länger.

          Wiedwald und Guttmann forderten „durchgreifende Verbesserungen“. Die GEW wolle mit dem  Kultusministerium über die Ergebnisse der Studie ins Gespräch kommen. Die Untersuchung zeige, dass die Pflichtstunden reduziert werden müssten, um den Lehrkräften mehr Zeit für pädagogische Arbeit zu geben. Nur so sei eine Verbesserung der Bildungsqualität zu erreichen. Ziel müsse es außerdem sein, Burnout-Syndrome zu vermeiden und den Lehrerberuf wieder attraktiver zu
          machen.

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