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Getränkebranche Butzbach : Eine Insolvenz wie ein Wollknäuel

Um an Mineralwasser und Bier, Limonaden oder Säfte zu kommen, wird sie gebraucht: die Getränke-Ring eG (hier: Fotoillustration). Bild: ddp images/dapd/Focke Strangmann

In Butzbach sitzt ein Riese in der Getränkebranche: Der Getränke-Ring reguliert den Zahlungsverkehr zwischen Getränkeherstellern und Großhändlern. Nun musste die Genossenschaft Insolvenz anmelden. Der Insolvenzverwalter muss sich zuerst als Ordner betätigen.

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          Es ist eines dieser Unternehmen, die der Verbraucher nicht kennt, die er im Zweifelsfall aber braucht. In diesem Fall, um an Mineralwasser und Bier, Limonaden oder Säfte zu kommen. Denn die Getränke-Ring eG mit Sitz in Butzbach stellt ein Bindeglied dar zwischen den Getränkeherstellern und Großhändlern, die ihrerseits Verkaufsstellen beliefern. Nun aber ist die Genossenschaft aus der Wetterau, die zuletzt einen Verrechnungsumsatz von 1,2 Milliarden Euro im Jahr erzielte, wegen eines „Liquiditätsengpasses“ insolvent. Die Insolvenz betrifft mittelbar außer 140 Mitarbeitern auch etwa 1100 Getränkefachgroßhändler, die dieser Genossenschaft angehören, sowie 1000 Getränkehersteller, die die Händler versorgen. Ihre Hoffnungen ruhen auf dem vorläufigen Insolvenzverwalter Jan Plathner und seiner Mannschaft.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Der Getränke-Ring wurde Ende der fünfziger Jahre von Fachgroßhändlern ins Leben gerufen und nahm 1960 als Genossenschaft seine Tätigkeit auf. Die Butzbacher haben sich, wie auf der Internetseite www.gring.de nachzulesen ist, zur „mitglieder- und umsatzstärksten wirtschaftlichen Kooperation der Branche“ gemausert. Am Anfang stand eine einfache Idee: Statt als einzelner Großhändler bei einem Getränkehersteller eine überschaubare Menge an Bier, Wasser oder Cola zu ordern, bündelten die Mitglieder in ihrer Genossenschaft ihre Bestellungen. Heraus kam eine größere Einkaufsmacht gegenüber dem Lieferanten und als Folge ein Preisvorteil, der der eigenen Gewinnspanne diente.

          Die Rede ist von 1,7 Millionen „Geschäftsvorfällen“

          Außerdem regelt der Getränke-Ring den Zahlungsverkehr: Er überweist anstelle des Großhändlers dem Getränkehersteller den fälligen Betrag - und macht beim Händler, seinem Mitglied, die entsprechende Forderung geltend. Mit der Zeit ist aber ein vierter Spieler hinzugekommen: Um liquide zu bleiben und den Zahlungsverkehr regelmäßig wie versprochen bedienen zu können, hat der Getränke-Ring ein sogenanntes Factoring-Unternehmen eingeschaltet. In diesen Fällen zahlte die Genossenschaft wie gehabt den fälligen Betrag an den Getränkehersteller. Dadurch ging die Forderung an den Großhändler für eine „juristische Sekunde“, wie Fachleute es nennen, an den Getränke-Ring über, der diese aber umgehend an das Factoring-Unternehmen veräußerte.

          Für den vorläufigen Insolvenzverwalter stellt sich nun die Frage: Wem gehört welche Forderung? Was auf den ersten Blick banal klingt, entpuppt sich als Wirrwarr. Denn es sind nicht nur grundsätzlich vier Beteiligte - Getränke-Ring als Zentralregulierer, Großhändler, Getränkehersteller und Factoring-Firma - im Spiel, die Zahl der Transaktionen ist riesig. Zwar hält sich Plathner dazu selbst bedeckt. Doch wie mit der Angelegenheit vertraute Personen berichten, handelt es sich allein für die Tage zwischen dem 29. September und dem 4. Oktober, an dem der Insolvenzantrag gestellt wurde, um 1,7 Millionen „Geschäftsvorfälle“; das sind Lieferungen, die in gewisser Zahl nur zum Teil ausgeführt wurden, wie es heißt. Die offenen Forderungen sollen sich auf eine mittlere zweistellige Millionensumme belaufen.

          Der „Liquiditätsengpass“ sei der Ausdruck der Krise

          Wie weiter zu hören ist, ist der Zahlungsfluss ins Stocken gekommen, da der Getränke-Ring die Zentralregulierung von heute auf morgen am 2. Oktober eingestellt hat. Lieferanten warten demnach auf ihr Geld. Daraus folge das Risiko, dass bestellte Getränke vorerst nicht geliefert würden und Händler nur eingeschränkt Geschäfte machen könnten. Das Team des Insolvenzverwalters ist seit Wochen dem Vernehmen nach dabei, die einem Wollknäuel gleichenden Verflechtungen im Zahlungsverkehr zu entwirren, indem sie Posten bilden; unterstützt wird es dabei von einem eigens hinzugeholten IT-Spezialisten. Als hilfreich gilt bei dieser Übung der Umstand, dass es nicht nur große Lieferanten wie Brauereien und Cola-Hersteller gibt, sondern auch große Abnehmer.

          Prinzipiell gelte der Leitsatz: Wenn der Lieferant sein Geld nicht erhalten hat, gehört ihm die Forderung. Für die Großhändler folgt aber aus der Unsicherheit, wem welche Forderung zuzuordnen ist, ein besonderes Risiko: Überweisen sie im Zweifelsfall an den Falschen, müssen sie womöglich doppelt zahlen, weil der Insolvenzverwalter die vermeintlich beglichene Rechnung eintreiben muss. Wie Plathner dieser Zeitung sagte, arbeitet sein Team an einer Zwischenlösung, die den Beteiligten wieder mehr Sicherheit geben soll - im Sinne des Handels mit Getränken. Zudem läuft schon die Suche nach Investoren. Am liebsten will der vorläufige Insolvenzverwalter die Getränke-Ring-Gruppe als Paket veräußern. Nicht zuletzt sucht er nach den Gründen der Zahlungsunfähigkeit. Der „Liquiditätsengpass“ sei der Ausdruck der Krise, nicht die Ursache, heißt es.

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