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Gesundheitsreform : Patienten meiden wegen Praxisgebühr die Notdienste

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Kaum eine Nacht verging, die der niedergelassene Frankfurter Arzt nicht im Ohrensessel des Wohnzimmers zugebracht hätte. Zu oft wurde er von Patienten nach Hause gerufen, als daß es sich für ihn gelohnt hätte, ins Bett zu gehen.

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          Kaum eine Nacht verging, die der niedergelassene Frankfurter Arzt nicht im Ohrensessel des Wohnzimmers zugebracht hätte. Zu oft wurde er von Patienten nach Hause gerufen, als daß es sich für ihn gelohnt hätte, ins Bett zu gehen. Das ist 30 Jahre her, könnte in ländlichen Regionen Hessens aber wieder Wirklichkeit werden. Denn wenn sich eine Entwicklung fortsetzt, die Anfang des Jahres begonnen hat, dann werden Notdienstzentralen in ländlichen Regionen schließen und die niedergelassenen Ärzte wieder mehr Nacht- und Wochenenddienste leisten müssen.

          Seit für Kassenpatienten die Praxisgebühr von zehn Euro nicht nur beim erstenArztbesuch im Quartal fällig wird, sondern zusätzlich immer dann, wenn sie eine Notdienstzentrale der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Anspruch nehmen, meiden viele offenbar den Notdienst. Aufgabe der KV ist es, an Wochenenden und nachts die ambulante Versorgung sicherzustellen.

          Das erste Quartal mit Praxisgebühr ist fast vorbei, und es liegen noch keine konkreten Zahlen vor. Mit einer endgültigen Auswertung ist Mitte April zu rechnen. Doch schätzt der Erste Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in Hessen, Horst Rebscher-Seitz, daß die Patientenzahlen an den Wochenenden um zehn bis 30 Prozent zurückgegangen sind. Vor allem in ländlichen Regionen wie der Gießener Umgebung, dem Odenwald oder dem Vogelsbergkreis seien die Einbrüche massiv. Vom Notdienst in Braunfels (Lahn-Dill-Kreis), der an Wochenenden auch für Leun, Solms, Schöffengrund-Sölms zuständig ist, berichtet der Landarzt Martin Leimbeck: Seien früher innerhalb von 24 Stunden an einem Samstag 50 Patienten zu behandeln gewesen, seien es jetzt noch 20 bis 25. "Damit ist der Notdienst auf Dauer nicht zu finanzieren", meint Leimbeck.

          Da die Einnahmen der Notdienstzentralen abhängig sind von der Anzahl der Patienten, fürchtet auch Rebscher-Seitz, die eine oder andere dieser Einrichtungen werde schließen müssen. Dann wäre eine Notdienstzentrale nach Auffassung von Leimbeck möglicherweise für ein größeres Gebiet verantwortlich, was für die Patienten längere Wege und Wartezeiten bedeuten würde. Rebscher-Seitz macht darauf aufmerksam, daß auch seine niedergelassenen Kollegen auf dem Land dann stärker belastet würden. Diese weitere "Einbuße der Lebensqualität" wird aus seiner Sicht nicht ohne Folgen bleiben: "In zwei bis drei Jahren bekommen wir dann ein Sicherstellungsproblem. Dann will sich in solchen Regionen niemand mehr niederlassen", meint er.

          Schon jetzt gibt es Gegenden, wo allgemeinärztliche Praxen nicht mehr zu besetzen sind, im KV-Bezirk Gießen beispielsweise. Leimbeck umschreibt seinen Beruf zwar noch schwärmerisch als "sagenhaft und spannend", doch würde der seit 1986 in Braunfels niedergelassene Doktor unter den heutigen Umständen eine andere Wahl treffen.

          Entstehende Lücken könnten Mediziner aus dem Osten schließen, für die es im Zuge der EU-Erweiterung am 1.Mai leichter wird, in Hessen eine Berufserlaubnis zu erhalten. Deutsche, gut ausgebildete Ärzte hingegen wandern laut Rebscher-Seitz nach Norwegen oder Schweden aus, weil sie dort "besser verdienen, mehr Anerkennung erfahren und klar definierte Arbeitszeiten haben". Hierzulande hingegen werde ein Doktor von der Politik permanent gedemütigt, schimpft er.

          Einen positiven Effekt freilich hat die Praxisgebühr gehabt. So wurden die Notdienste bisher oft von Menschen mißbraucht, die aus reiner Bequemlichkeit lieber mal am Wochenende bei einem Arzt vorbeischauten, als sich Dienstag vormittags in ein überfülltes Wartezimmer zu setzen. Andere sind wegen jedem Wehwehchen zum Notdienst gelaufen, was wiederum das Gesundheitssystem unnötig strapazierte. Es mag aber auch Patienten geben, die sich wegen einer Bagatelle Sorgen machen, aber den Gang zum Arzt scheuen, weil sie Geld sparen wollen. Wenn sich das häufig wiederholt, können sich Ängste verfestigen, und der Betreffende braucht möglicherweise eine längere psychische Behandlung. Dann wäre es besser gewesen, sich mit dem medizinisch harmlosen Riß über dem Zehennagel doch in ärztliche Hände zu begeben. Der Doktor hätte den seelischen Leidensdruck mit einem Pflaster und ein paar erklärenden Worten in wenigen Minuten mindern können.

          Auch niedergelassene Ärzte klagen über rückläufige Patientenzahlen. Je nach Fachgebiet mache sich das sehr unterschiedlich bemerkbar, sagt Rebscher-Seitz, der von einem Rückgang der Zahlen um schätzungsweise zehn Prozent in Hessen spricht. Doch seien Hausärzte weniger betroffen als beispielsweise Orthopäden. Hier könnten die Einbußen sogar bei 20 Prozent liegen. Rebscher-Seitz glaubt, daß die Einkünfte der Ärzte sich weiter verschlechtern werden. "Und dann geht's ans Personal."

          In diesen Tagen geht es in vielen Praxen besonders ruhig zu. Denn das Quartal geht am Mittwoch zu Ende. Und wer in den ersten drei Monaten des Jahres noch keinen Arzt brauchte, will für ein paar Tage jetzt auch keine zehn Euro mehr zahlen. Damit erhärtet sich der Verdacht, mancher beanspruche mehr aus Gewohnheit oder zum Zeitvertreib einen Arzt als aus medizinischer Notwendigkeit. In diese Gruppe gehören wohl jene Zeitgenossen, die wutentbrannt aus der Praxis flüchteten, als es an ihr Portemonnaie gehen sollte. (rig.)

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