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Gesundheitsreform : Ärzte bangen um ihre Altersversorgung

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Ob er von seiner Altersversorgung gut leben kann? Die Antwort kommt prompt: "Nein." Er achte auf jeden Cent. Der Allgemeinmediziner überschlägt, was er während seiner dreißigjährigen Tätigkeit als niedergelassener ...

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          Ob er von seiner Altersversorgung gut leben kann? Die Antwort kommt prompt: "Nein." Er achte auf jeden Cent. Der Allgemeinmediziner überschlägt, was er während seiner dreißigjährigen Tätigkeit als niedergelassener Kassenarzt in den "Topf" zur Altersversorgung bei der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen eingezahlt hat und kommt auf 180000 bis 200000 Mark. Als Ruheständler erhält er über diese Art der Altersvorsorge zirka 1150 Euro monatlich - vor Steuern, womit er unter der Durchschnittsrente von knapp 1700 Euro liegt. Im Vergleich zu dem Betrag, den er jahrzehntelang eingezahlt hat, ist das eher wenig. Hinzu kommen in diesem Fall 1250 Euro im Monat vom Versorgungswerk der Landesärztekammer, was netto insgesamt 1800 Euro im Monat bedeutet.

          Niemand läßt sich gerne in die Kontoauszüge schauen, auch ein Doktor nicht. Doch dürfte das, was da zu sehen wäre, sehr unterschiedlich sein. So gibt es schlecht verdienende Ärzte und sehr wohlhabende Mediziner im Ruhestand. Im ungünstigsten Fall freilich hat sich ein Kassenarzt allein auf die Kassenärztliche Vereinigung als Einkunftsquelle für später verlassen, hat kein Haus gebaut und keine Eigentumswohnung gekauft, verfügt weder über über eine Lebensversicherung noch über Aktien. Und das Versorgungswerk der Ärztekammer in Hessen existiert erst seit 1968; es ist eines der jüngsten in Deutschland. Negativ wirkt sich für viele Kassenärzte später aus, daß sie sich von der Hälfte des Beitrags für das Versorgungswerk befreien ließen, was wegen der verpflichtenden Teilnahme am Umlageverfahren der Kassenärztlichen Vereinigung in Hessen als einzigem Bundesland möglich ist. Umgekehrt profitiert später, wer den vollen Beitrag entrichtete. Als Rentner stehen ihm dann vielleicht insgesamt 2900 Euro monatlich zur Verfügung. Doch wie Alfred Möhrle, Präsident der Landesärztekammer Hessen, weiß, scheuen viele Mediziner in jungen Jahren die hohen Beiträge, wenn ihre Praxis nicht so gut gehe, was selbstverständlich zu kurz gedacht sei. Denn dann fehle das Geld im Alter.

          Jetzt steht das Umlageverfahren der Kassenärztlichen Vereinigung, wonach die aktiven Ärzte ihre älteren Kollegen versorgen, auf der Kippe. Erstens macht die Überalterung der Gesellschaft mit allen bekannten Folgen auch vor den Medizinern nicht Halt. Zudem gefährden Veränderungen im Gesundheitswesen dieses System. Denn künftig haben Ärzte die Möglichkeit, mit den Krankenkassen direkt Verträge abzuschließen und auch abzurechnen. Das eingenommene Honorar fließt also nicht mehr über die Konten der Kassenärztlichen Vereinigung, weshalb auch die Abgaben für die Altersversorgung verlorengehen.

          Nun fürchtet Otto Burk: "Damit geht die jetzige Altersversorgung kaputt." Den einzigen Ausweg sieht der ehemals niedergelassene Kassenarzt darin, daß die hessische Landesregierung das Kassenarztrecht so ändert, daß die Kassenärztliche Vereinigung auf alle Honoraranteile für die Altersversorgung zurückgreifen kann - also auch auf die direkt mit den Krankenkassen abgerechneten. Einer von Burk initiierten Resolution schloß sich das Parlament der Vertragsärzte mit großer Mehrheit an. Allerdings halten die Ärzte die Chancen für denkbar gering, daß ihr Anliegen positiv beschieden wird. Im hessischen Sozialministerium wollte man sich dazu nicht näher äußern. Dort hieß es nur: "Das ist ein sehr schwieriges Rechtsfeld, das noch geprüft werden muß."

          Bisher werden jedem Kassenarzt fünf Prozent seines Honorarumsatzes abgezogen. Sein Anspruch mit 65 Jahren, wenn er in Rente gehen kann, oder mit 68, wenn er aus der vertragsärztlichen Versorgung ausscheiden muß, richtet sich nach der Höhe seiner Einkünfte und danach, wie lange er Honoraranteile abgegeben hat. Die spätere Auszahlung wird prozentual berechnet, wobei maximal 18 Prozent vom durchschnittlichen Umsatz des hessischen Kassenarztes erreicht werden können. Nach Mitteilung der zweiten Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung in Hessen, Margita Bert, schaffen die Ärzte durchschnittlich zwölf Prozent, was monatlich knapp 1700 Euro vor Steuern ergibt.

          Unterdessen haben die Abgeordneten der Kassenärztlichen Vereinigung mit einem Beschluß ihre Absicht ausgedrückt, die sogenannte erweiterte Honorarverteilung auslaufen zu lassen. Das bedeutet, um den Ansprüchen der älteren Ärzte nachkommen zu können, zahlen die jüngeren Beiträge, für die sie selbst kaum mehr Anwartschaften erwerben können. Es braucht wenig Phantasie, sich auszumalen, daß die Altersversorgung derzeit Alt und Jung gegeneinander aufbringt. Die älteren wollen ihre Pfründe sichern, die jüngeren sind enttäuscht. Und diejenigen, vor denen etwa zehn Jahre kassenärztliche Tätigkeit liegen, sehen ihr Geld dahinschwinden und schimpfen: "Hätte ich es doch lieber privat angelegt."

          Nach Ansicht von Kammerpräsident Möhrle war freilich absehbar, daß das Umlageverfahren mit der demographischen Entwicklung der Gesellschaft früher oder später an Grenzen stoßen werde. Doch habe die Kassenärztliche Vereinigung bei Gründung des Versorgungswerkes darauf bestanden, daß ihr System parallel bestehen bleibe.

          Vorbei sind auch die goldenen Zeiten, als die Herrschaften im weißen Kittel mit dem Verkauf ihrer Praxis ein gutes Geschäft machten. Waren 160000 Euro einst durchaus die Norm, sind die Preise heute deutlich gesunken. Wenn der Doktor für seine Praxis überhaupt einen Interessenten findet, kann er sich schon glücklich schätzen. Denn nach dem Studium scheuen viele unter den jetzigen Bedingungen das Risiko, sich niederzulassen. BRIGITTE ROTH

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