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Gesundheitspolitik : Jetzt protestieren auch niedergelassene Ärzte

  • Aktualisiert am

Protest in der Jahrhunderthalle Bild: dpa/dpaweb

Rund 3.000 Ärzte, Psychotherapeuten und Arzthelferinnen sind am Mittwoch zu einer Protestveranstaltung in die Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst gekommen. Im Mittelpunkt der Kritik: Die Honorarpolitik der Krankenkassen in Hessen.

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          Gegen eine ihrer Ansicht nach zu schlechte Honorierung und ein Übermaß an Bürokratie, gegen Budgetierung und Reglementierung haben am Mittwoch in Frankfurt abermals Ärzte protestiert.

          Dieses Mal waren es allerdings nicht die Assistenzärzte hessischer Universitätsklinika, die sich zu Wort meldeten, sondern ihre niedergelassenen Kollegen. Rund 3.000 Ärzte, Psychotherapeuten und Arzthelferinnen waren nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen am Mittwoch morgen zu einer Protestveranstaltung in die Jahrhunderthalle in Frankfurt-Höchst gekommen und hatten ihre Praxen geschlossen.

          „In erster Linie geht es um die Patienten“

          Im Mittelpunkt ihrer Kritik stand die Honorarpolitik der Krankenkassen in Hessen. „Mit dem uns zur Verfügung gestellten Geld können wir nicht mehr leben“, sagte die Vorstandsvorsitzende der KV Hessen, Margita Bert. Sie warnte davor, die Ärzte so „auszuhungern“, daß sie nicht mehr die medizinischen Leistungen erbringen könnten, wie „wir es leidenschaftlich gerne täten und auch gelernt haben“. Dabei gehe es in erster Linie um die Patienten, so Bert.

          Einen Tag zuvor hatte die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) zu einer Pressekonferenz geladen, um ihren Standpunkt zu vertreten. „Wir wollen gute Ärzte, und wir wollen sie auch gut finanzieren“, so Stefan Semkat, Leiter für Unternehmenskommunikation bei der AOK. Doch müsse das Honorar gerechter unter den Ärzten verteilt werden. Zudem gelte es, die Zahl der niedergelassenen Mediziner in „überversorgten Gebieten“ zu reduzieren.

          Ein Recht auf gutgelaunte Ärzte

          Vor allem um die Vergütung ambulanter Operationen wird derzeit in Hessen gestritten. Abgesehen von einem jetzt mit den Hessischen Betriebskrankenkassen geschlossenen Vertrag sei das ambulante Operieren nicht mehr kostendeckend möglich, kritisierte Bert. „Andere Kassen haben angeblich kein Geld, doch sie haben mehr als früher. Ich weiß nicht, wo sie es lassen.“ Dabei hätten Patienten ein Recht auf angemessen finanzierte und gutgelaunte Ärzte.

          Für den Verband der niedergelassenen Chirurgen in Hessen kündigte Christoph Schüürmann an, für das von den meisten Krankenkassen gewährte Honorar keine ambulanten Operationen vorzunehmen. „Wir werden den Patienten Kostenvoranschläge in die Hand drücken“, und sie müßten dann sehen, wie sie sich mit ihrer Versicherung einigten. Andernfalls würden sie eben für einen weitaus höheren Preis im Krankenhaus operiert.

          AOK: Panikmache

          Demgegenüber hatte Andreas Bonn, Pressesprecher der AOK, am Dienstag darauf hingewiesen, daß seine Kasse ambulantes Operieren auch weiterhin fördere. Doch eine 1997 ausgehandelte, besondere Vergütung habe bis 2000 zu einer stetigen Zunahme der Zahl ambulanter Eingriffe geführt. Im Krankenhaus seien die Operationszahlen im selben Zeitraum jedoch nicht signifikant gesunken. „Wir können Steigerungen nicht einfach so hinnehmen.“

          Einen künftigen Ärztemangel zu prognostizieren, wie es auch am Mittwoch in der Jahrhunderthalle wieder getan wurde, ist aus Sicht der AOK-Mitarbeiter „Panikmache“. So sei die Zahl der niedergelassenen Ärzte in Hessen von 7.636 im Jahr 1991 auf 9.719 im vergangenen Jahr gestiegen. Gemessen an der Bedarfsplanung der Länder, die sich an bundeseinheitlichen Richtlinien orientiere, „haben wir in Hessen eine Überversorgung“, vor allem an Internisten und Frauenärzten. Zu viele Ärzte teilten sich denselben „Kuchen“, faßten sie zusammen und legten eine Statistik aus dem Jahr 2002 vor, wonach es ein Arzt durchschnittlich auf ein zu versteuerndes Einkommen von 75.000 bis 80.000 Euro gebracht habe.

          Angemessenes Honorar für Arzthelferinnen

          Die zusätzlichen Einnahmen durch private Abrechnungen bezifferte er auf 25 bis 30 Prozent. Während Semkat einräumte, daß es auch Mediziner mit geringem Verdienst gebe, wurde am Mittwoch sogar von „drohenden Insolvenzen“ einiger Ärzte gesprochen. Dieter Conrad vom Hausärzteverband Hessen sieht vor allem für ältere Menschen die wohnortnahe Versorgung in Zukunft gefährdet.

          Ein angemessenes Honorar forderte auch Claudia Siebert vom Berufsverband der Arzthelferinnen für ihre Kolleginnen. Sie seien freundlich, fürsorglich, kompetent und stressresistent; ihre Tätigkeit beschränke sich nicht auf ein Lächeln oder die Aufforderung: „Der nächste, bitte!“

          Gesundheitswesen nicht „kaputt“ sparen

          Doch bei einem Bruttolohn von monatlich 1.900 Euro für eine erfahrene Kraft müsse eine alleinstehende Arzthelferin auf den „Prinzen warten, der sie ernährt“. An die Krankenkassen appellierte Siebert, das Gesundheitswesen nicht „kaputt“zusparen.

          Unterdessen teilten die Aufsichtsräte der hessischen Universitätskliniken am Mittwoch in einer Presseerklärung mit, sie träten für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Assistenzärzten ein. So seien die Klinikumsvorstände beauftragt worden, längerfristige Arbeitsverträge mit Assistenzärzten zu schließen und für Frauen günstigere Arbeitsbedingungen zu schaffen, damit sie Familie und Beruf besser miteinander vereinbaren könnten.

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